Kultur : High Noon im Curry-Western

Bodo Mrozek

Trends treffen nicht immer gleichzeitig ein, sondern in Wellen, die aber so ziemlich jeden Lebensbereich überfluten. Die Frage, was zuerst da war, ist schwer zu beantworten, vor allem, wenn es um Ethno- Moden geht. Haben wir Bruce Lee, den Mann mit der Todeskralle, im Kino gesehen, bevor wir in den Chinarestaurants mit goldenen Drachen in dickflüssiger Glutamat-Sauce ertränkte Süß-Sauergerichte verspeisten? War Thailand zuerst ein Reise- oder ein Gastronomietrend?

Bei Indien ist es noch komplizierter. Chicken Curry gibt es mittlerweile an jeder Ecke, und ayurvedische Stirngüsse haben längst die unangenehme Kälteschock- Therapie des Pfarrers Sebastian Kneipp ersetzt. Den größten Indientrend seit der Romane Rudyard Kiplings hat uns aber erst das Fernsehen beschert – seitdem es Bollywoodfilme ausstrahlt. Die meist grellbunten Dramen aus dem ehemaligen Bombay (heute Mumbai) kommen mit einiger Verspätung nach Europa. Ihren Zenit haben sie nach Kennermeinung in den Sechziger- und Siebzigerjahren überschritten. Berühmt wurde der sogenannte Curry-Western, ein analog zum Spaghetti-Western benanntes Genre. Filme wie „Sholay“ wollten harte Action liefern, was mitunter unfreiwillig komisch geriet. Weniger bekannt ist, dass dabei auch eine charakteristische Musik entstand, die nicht nur die Sammler, sondern längst auch die DJs entdeckt haben.

Ein indischer Filmklassiker wie Janwaar rührt mit unvergleichlichen Beatles-Imitationen und sagenhaften Schütteltänzen zu (Lach-)Tränen, auch das neuere Bollywoodkino hat einen eigenen Sound geprägt. Die Auswahl ist reichlich – auf 35 000 Filme wird die Bollywood-Produktion geschätzt. Rahul Bachan hat das Tanzbarste daraus zusammengesucht. Am 30. September legt er beim Bollywood Nightclub ab 22 Uhr im Lauschangriff (Rigaer Str. 103, Friedrichshain) sein Best-Of auf. Kenner können sich da in Shammis Schütteltanz üben. Aber auch für Neulinge dürfte etwas abfallen. Wenn man Bollywood gegen einen Vorwurf in Schutz nehmen muss, dann wohl gegen den, jemals auch nur eine einzige Mode ausgelassen zu haben.

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