Kultur : High Noon

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Bodo Mrozek misst die Entfernung

vom Zweikampf zum TV-Duell

Ferdinand Lassalle hat es getan, Heinrich Heine ebenso, Puschkin fand dabei sogar den Tod. Zeitgenossen so ziemlich jeder politischen Couleur schossen sich bis ins vergangene Jahrhundert hinein den Pulverdampf um die Ohren – und gelegentlich eine Kugel ins Herz. Karl Marx hielt das für legitim, und selbst ein Theoretiker wie Max Weber, dem die Wissenschaft nicht zuletzt eine griffige Definition der „sozialen Ehre“ verdankt, machte in der blutigen Praxis keine Ausnahme. Noch als alter Herr einer Burschenschaft schwang Weber den schweren Säbel gegen allerlei akademische Herausforderer.

Das Duell: Durch alle Zeiten faszinierte es die Künste. Nicht nur Malerei und Oper, auch die Literatur verdankt ihm etliche Höhepunkte. Hollywood bereicherte das Duell mit der Wildwest-Variante vom High Noon, und bis heute lebt der postmoderne Eastern vom Kampf zweier erbitterter Gegner, deren letzter Zweikampf zuverlässig im effektvollen Shoot-Out gipfelt.

Woher aber kommt der seltsame Drang zur Satisfaktion? Darüber streitet die Duellforschung schon seit mehr als 100 Jahren. Zweikämpfe gibt es seit Agamemnons Zeiten, das moderne Duell aber wurzelt in der Frühen Neuzeit. Seine Ursprünge hat es in der germanischen Fehde, dem gerichtlichen Zweikampf und dem höfischen Turnier. Die Duellforscherin und Bielefelder Historikerin Ute Frevert hält das moderne Duell dennoch für ein originäres Produkt der männlich-bürgerlichen Gesellschaft. Anders ihr amerikanischer Kollege Kevin McAleer. Im letzten großen Duellstreit forderte er Frevert mit der Feudalismus-These.

Egal ob bürgerlich oder aristokratisch: Beim Duell geht es nicht nur um Hauen und Stechen. Es geht um den Erwerb einer höchst abstrakten Kategorie: der sozialen Ehre. Das Duell ist deshalb eine Handlung von tiefer Symbolik, in der nichts dem Zufall überlassen und alles von kundiger Hand arrangiert wird. Selbst das kleinste Detail gewinnt noch an Bedeutung. Auch morgen, wenn die Fernsehscheinwerfer das Feld der Ehre grell ausleuchten werden, wird noch immer jedes Detail zählen: Maske, Sockenlänge, Krawatte. Doch bei der Wahl zwischen rot und weiß geht es nicht mehr um Eros und Thanatos, Leben und Tod, sondern nur noch um die Wirkungsästhetik des Erfolgsprinzips: Gemustert oder streng? Staatsmännisch-ernst oder fröhlich-optimistisch? Ja, ist denn das noch ein Duell? Enttäuscht müssen wir resümieren: Wo die Fernsehnation die Bürgergesellschaft abgelöst hat, das Strafrecht keinen Duellparagraphen kennt und die vermeintlich unparteiischen Sekundanten im Sold der Sender stehen, gibt es keine Ehrenhändel mehr. Der deutsche Sonderweg endet in der Bildröhre. Wenn am morgigen Sonntag zwei waffengleiche Männer zum Streite aufeinandertreffen, wird zwar viel Pulverdampf produziert, doch am Ende bleiben beide in ihren Stiefeln stehen. Die Machtfrage ist eben keine Frage der Ehre – und ein Fernsehstreit kein Duell.

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