Kultur : High sein! Frei sein!

Steffen Richter

empfiehlt Literatur an der frischen Luft Sicherlich wollten Sie schon immer wissen, was eine Wölbbrettzither ist und wozu sie taugt. Am Wochenende werden Sie es erfahren. Vorausgesetzt, Sie pilgern zum Sommerfest im Schloss Wiepersdorf . Dort erwarten Sie am 8.8. ab 13.30 Uhr bildende Kunst, Jazz, Film, digital bearbeitete Fotografie – und Literatur: Heike Geißler lässt das Mädchen „Rosa“ (DVA) an seiner viel zu frühen Mutterschaft verzweifeln. Der Österreicher Arno Geiger umtanzt in „Schöne Freunde“ (Hanser) das Ende der Kindheit. Und der im ehemaligen Jugoslawien geborene Dzevad Karahasan liest aus seinem Roman „Sara und Serafina“ (Rowohlt Berlin) und dem wunderbaren Essayband „Das Buch der Gärten“ (Insel). „Christentum wie Islam“, erläutert er, „entstanden in Wüstenregionen. Wahrscheinlich deswegen teilen sie die Vorstellung, dass das Paradies ein Garten ist.“ In der Bibel, im Koran und in den Geschichten aus „1001 Nacht“ sucht Karahasan dafür Belege.

Der lange nur als Polit-Cartoonist bekannte Gerhard Seyfried überraschte im letzten Jahr mit einem 600-Seiten-Wälzer über den Krieg zwischen den Herero und der deutschen Kolonialmacht im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika. Nun hat er jenes Buch geschrieben, das man am ehesten von ihm erwarten konnte: eine autobiografisch grundierte Geschichte der Siebzigerjahre in München und Berlin. „Haschrebellen“ und „Blues-Leute“ bevölkern die Szenerie, auf Flugblättern wird gedichtet: „High sein! Frei sein! Terror muss dabei sein!“ Irgendwann werden die Schaufenster von Banken nicht mehr nur mit Glasmurmeln beschossen. Seyfried etabliert sich also als neuer deutscher Abenteuerschriftsteller. Es scheint, als wüsste er genau, was es dazu braucht: Action und eine anrührende Liebesgeschichte mit erstem Kuss unter dem „anthrazitfarbenen Himmel“ eines ligurischen Strands. Am 6.8. hat Seyfrieds Schmöker „Der schwarze Stern der Tupamaros“ (Eichborn Berlin) im Kulturkaufhaus Dussmann Premiere (18 Uhr).

Am selben Tag gibt es im LCB hochkarätige Kunst. Péter Esterházy hatte in seinem lHusarenstück „Harmonia Caelestis“ (Berlin Verlag) ungarische Geschichte als Chronik seiner Familie erzählt. Dann stellte sich heraus, dass sein Vater für die ungarische Staatssicherheit gespitzelt hatte. Das Entsetzen darüber hat Esterházy im Nachtrag „Verbesserte Ausgabe“ zu beschreiben versucht. Nun spricht er mit seiner Übersetzerin, der Schriftstellerin Terézia Mora , über die Möglichkeiten avancierter Literatur in der Gegenwart. Mora veröffentlicht in diesen Tagen ihr Romandebüt „Alle Tage“ (Luchterhand). Gute Gründe also, um 20 Uhr an den Wannsee zu fahren.

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