Kultur : Hightech für Heidi

Jeannot Simmen

Früher war eine Identität, die Verbundenheit mit Land und Herkunft selbstverständlich. Das Wort "Heimat" vermittelte ein Gefühl innerer Zugehörigkeit zum Land und zu den Leuten. Anders im Medienzeitalter: Das Internet kennt keine nationalen Zuordnungen. Der Einzelne definiert sich nicht durch Lebensort, sondern als Teil einer Netz-Gemeinschaft. Und: die Zeit triumphiert über den Raum, in der temporalen Beschleunigung schwinden Land und Nation. Die terminale Identität, die Adresse im Netz, liegt überall und ist stets erreichbar. Heimat als unmittelbarer Bezug zu einem bestimmten Ort wird marginal, der Mensch ist befreit, wirbelt virtuell-schwindelnd durch die elektronischen Medien.

Landes-Ausstellungen haben in der Schweiz Tradition: so alle 25 Jahre initiiert die Bundesregierung ein solches Vorhaben, eine gesamtschweizerische Ausstellungs- und Fest-Veranstaltung. 1939 wurde die "Landi" in Zürich kurz vor Ausbruch des Weltkrieges eröffnet, sie stilisierte sich zur pathetischen Widerstands-Ikone der bald schon eingekreisten Schweiz. 1964 wurde die "Expo Lausanne" zur Bilanz und Verabschiedung des alten Heimatgefühls, setzte Zeichen eines Aufbruches in die technologisch-orientierte Moderne. Diese wie frühere Ausstellungen standen stets in der öffentlichen Kritik, wuchsen aber im nachhinein zum mystischen Volks-Bündnis, worüber die Älteren mit glänzenden Augen erzählten. Als wagemutig kann der Beschluss des Bundesrates von 1995 gelten, am Beginn des 21. Jahrhunderts zum sechsten Mal eine nationale Schau zu veranlassen.

Bei der heute eröffnenden "Expo 02"" werden die Augen ironisch bis skeptisch trainiert. Nicht mehr das Reale, nicht die bunte Schweiz der Alpen, Kühe und Gletscher wird vorgeführt. Die Themen lauten: Augenblick und Ewigkeit, Macht und Freiheit, Natur und Künstlichkeit, Ich und das Universum, Sinn und Bewegung - sind also weniger simpel gestrickt wie bei der Expo Hannover. In der Schweiz werden übergreifende Themen angepackt und mit helvetischer Pfiffigkeit zu ureigenen Devise verwandelt. Vermittelt werden indirekte Relationen, jenseits einer konservierend-nationalen oder ethisch-reinen Zugehörigkeit. Doch gegen den angloamerikanischen, digitalen Einheitsbrei trendiger Agenturen werden (mit Ironie versetzt) Kunst, Kultur und Lifestyle gesetzt.

Das Vorhaben einer Schweiz-Ausstellung im 21. Jahrhundert war umstritten, bekämpft von Miesepetern und Besserwissern. Mehrfach drohte das Projekt am Konzept oder an der Finanzierung zu kollabieren. Verschlissen wurden künstlerische Leiter mit unrealisierbaren Ideen und Krisenmanager angesichts der Größe der Projekte (insgesamt rund eine Milliarde Euro). Jetzt aber überzeugen Ausstellung und Spielorte auch die finstersten Skeptiker. Entstanden ist ein Ensemble von Schweiz-Impressionen, Facetten eines Landes zwischen Bauern und Bankern, High-Tech-Forschern und Uhrenmachern. Die Schweiz präsentiert sich auf der "Expo 02" jenseits vom Alpen-Bild, doch raffiniert in einer wunderbaren Seenlandschaft im Mittelland positioniert.

Martin Heller ist der bravoröse künstlerische Leiter für das Gesamtvorhaben. Keine Mammutschau entstand an zentralem Ort: vielmehr bilden kleiner Städte die Ereignisorte. Alle liegen an Seen, alle sind mit dem Schiff erreichbar, liegen nur rund 30-40 Kilometer auseinander, direkte Zugverbindungen erleichtern den Wechsel, von den Bahnhöfen sind alle Ausstellungsorte fußläufig erreichbar. Wichtig waren in früheren Ausstellungen die kantonalen Pavillons. Bei der "Expo 02" werden vorrangiger die von Industriefirmen, Banken, Versicherungen partnerschaftlich gesponserten Pavillons. Jede "Arteplage" liegt an einem Seestrand (Plage), kennt ein architektonisches Wahrzeichen und zeigt eine Fülle künstlerischer Realisationen (Arte).

Jean Nouvel, der Pariser Star-Architekt, war für den Masterplan von Murten verantwortlich, sein Thema "Augenblick und Ewigkeit" setzt moderne Ausstellungs-Pavillons in eine geschichtsträchtige Landschaft und in einem mittelalterlich erhaltenen Ort. Er entwarf einen mächtigen, rostfarbenen Würfel, der im Murtensee schwimmt, erreichbar nur mit dem Schiff. Dieser Stahlblech-Monolith hat 34 Meter Kantenlänge, also die Höhe eines mehrstöckigen Geschäftshauses. Die gedrungene Form wurde zum Expo- und Schweiz-Wahrzeichen: außen ein wehrhaft-undurchdringlicher Klotz, innen Digital-Projektionen und ein historisches Panorama der Schlacht von Murten.

Längs dem See finden sich sieben von Jean Nouvel entworfene Kapellen-Räume, einfach gestaltete Orte der Besinnung, ein Beitrag der Schweizer Kirchen zur Expo. Beim Stadttor, am Hang der wuchtigen Stadtmauer von Murten, liegt eine Industriehalle aus Wellblech. Darin wurde eine wunderbare "Heimatfabrik"-Ausstellung voll Skepsis inszeniert. Vom jugendlichen Fernweh zum Heimweh der Älteren haben mehrere Künstler die aktuellen Beziehungen zum Land umrissen, zwischen Konsum, Kultur, Kitsch, Liebe und demolierter Schönheit.

Das schweizerische Rote Kreuz ist Partner vom "Garten der Gewalt", nach einem Entwurf des Garten-Architekten Günther Vogt. Natur ist gewaltsam gestaltet, zeigt exilierte Pflanzen und poetische Orte (Birkenhain). Die Idylle ist mit feinen Irritationen durchsetzt, so wachsen knorrige spanische Olivenbäume zwischen heimischen Pflanzen. Der Paradiesgarten ist kein lieblicher Ort mehr. In einer anderen Halle, "Blindekuh", führen Blinde und Sehbehinderte die Besucher durch einen dunklen Raum, erfahren werden Tast-, Hör- und Riecherlebnisse. Die Armee präsentiert sich durch eine monumentale Werft-Architektur, allerdings bleibt die inhaltliche Aussage schwach: ein gewaltiges dreidimensionales Schweizerkreuz, ein Lastwagen mit Hilfspaketen, ein monumentales Schweizbild im Goldrahmen stehen additiv nebeneinander, verbleiben aber nichtssagend zum Thema "Sicherheit und Bedrohung". Die Größe wird zur falschproportionierten Geste und greift ins Leere.

Biel zeigt eine in den See ragende Architektur zum Thema "Macht und Freiheit" mit nach oben strebenden Gebilden. Diese Formen mit ihren Krümmungen bergen nicht die Kraft eines eindringlichen Zeichens. Interessanter sind die thematischen Pavillons. "Strangers in Paradise" bietet eine Fahrt im Einkaufswagen durch schweizerische Mythen, Visionen und Legenden, eine opernhaft-gelungene Inszenierung der größten Schweizer-Verkaufskette "Migros". Das "Territoire imaginaire" veranschaulicht mit hintersinnigem Intellekt die Schweiz in den nächsten Jahren, wenn Betonierungen und künstliche Produktionen anhalten. Ausgerechnet Harald Szeemann, der legendäre Ausstellungsmacher mit Vorliebe für anarchische Kunst, ist der "Szenograph" vom Pavillon "Geld und Wert - Das letzte Tabu" der hochehrwürdigen Schweizer Nationalbank. Im musealen Kontext wird der Mythos von Geld und Macht dargestellt, vom Tauschhandel bis zu virtuellen Werten. Als Highlight vernichtet ein Roboter mit hoher Eleganz täglich Hundertfranken-Banknoten.

Yverdon les Bains am Neuenburgersee produziert als Wahrzeichen eine künstliche Wolke. Diese kann real, nicht wie einst bei Jakob im Traum mit der Himmelleiter bestiegen werden. Neuchatel zeigt riesige UFO-Scheiben, die, aus Luft, in der Luft hängen. "Natur und Künstlichkeit" untersucht vom Wasser zum Roboter, von der Erde zum Apfel die Veränderungen der ursprünglichen Kontexte. Von der "Expo 02"" können allein Aspekte eines vergnüglichen Ganzen angeschnitten werden. Wer das intellektuelle mit dem visuellen Vergnügen samt touristischen Natur-Verlangen koppeln will, der buche eine Schweizer-Expo-Reise.

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