Kultur : Hilf dir selbst

Seit zwei Jahrzehnten gibt es schon das Frauenmuseum Berlin. Eine Ausstellungs-Tour durch Berlin soll das Projekt nun voranbringen.

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Haarige Sache. Rachel Kohn vor einer Fotoarbeit von Trudy Dahan. Foto: Mike Wolff
Haarige Sache. Rachel Kohn vor einer Fotoarbeit von Trudy Dahan. Foto: Mike Wolff

Bonn, du hast es besser! In der ehemaligen Bundeshauptstadt gibt es seit 1981 ein Frauenmuseum. 500 Ausstellungen wurden dort bereits realisiert, um die Sichtbarkeit von Frauen im Kunstbetrieb zu fördern. Auf seiner Website wirbt der Verein für das Netzwerk „womeninmuseum“ und listet ähnliche Organisationen in ganz Europaauf. Das Frauenmuseum Berlin gehört allerdings nicht dazu.

In der Linkliste taucht aus der Hauptstadt bloß Das Verborgene Museum auf. Auch eine Institution, die sich in den achtziger Jahren gründete, um das Lebenswerk vergessener Künstlerinnen aufzuarbeiten. Und das Frauenmuseum Berlin? Ist seit Anfang der Neunziger aktiv, sah sich erst einmal als Archiv für frauenspezifische Themen und fokussierte sich erst allmählich auf die bildende Kunst. Seit fünf Jahren wirkt es nun hart am Profil. Dennoch haben die Frauen bis heute alle Hände voll damit zu tun, öffentlich wahrgenommen zu werden. Ein neues Projekt soll das ändern.

Wie anstrengend die Arbeit ohne feste Räume und feste finanzielle Unterstützung ist, weiß Rachel Kohn zur Genüge: Seit 2007 sitzt die Berliner Künstlerin im Vorstand und erledigt Aufgaben, die das eigene Werk in den Hintergrund drängen. „Man verbindet sich doch mit dem Amt, das man übernimmt und möchte etwas bewegen“, meint Kohn. Sie steht im Rathaus von Tempelhof in den Räumen der Kommunalen Galerie. Feinstes Erbe der siebziger Jahre mit schwarzem Schiefer auf dem Boden, viel Fensterfläche, rauem Beton für die Wände – und kochenden Heizungsrohren, an denen sich nichts regulieren lässt.

Nach spätestens fünf Minuten wirft man den Mantel ab. Das passt zu „Heim_Spiel“, jener Ausstellungsoffensive mit dem hintergründigen Titel, die sich den Begriff in allen Facetten zum Thema nimmt. Beispielsweise als Heimspiel unter günstigen Bedingungen, das der Mannschaft für gewöhnlich einen „Heimvorteil“ bringt. In jedem Fall bricht das Frauenmuseum Berlin damit aus alten Gewohnheiten auf. Zwei Ausstellungen pro Jahr in der Kommunalen Galerie von Wilmersdorf sind einfach zu wenig, weiß Rachel Kohn. „Heim_Spiel“ ist der Auftakt einer Reihe, die sich während der nächsten Jahre durch alle Bezirke bewegen soll. Um zu zeigen, welche Künstlerinnen in Kreuzberg, Friedrichshain oder Schöneberg arbeiten.

In jeder anderen Stadt hätte so ein Konzept den Charme des Provinziellen. Mit Berlin verhält es sich anders: Von den geschätzten 6000 Künstlern ist ein erheblicher Teil in keiner Galerie vertreten und/oder längst noch nicht genügend verankert, um in Institutionen wie Kunstvereinen oder Museen auszustellen. Den Künstlerinnen unter ihnen, deren „Arbeit qualitativ überzeugt“ (Rachel Kohn), bietet das Frauenmuseum Berlin eine Plattform. Für „Heim_Spiel“ wurden zwölf von rund 50 Bewerberinnen ausgesucht – von einer Jury, in der unter anderem Marc Wellmann sitzt, Direktor des Berliner Georg-Kolbe-Museums.

Es hätten mehr sein können. Manche haben Probleme mit dem Label Frauenmuseum, weiß Rachel Kohn. Doch sieht sie Frauen im professionellen Kunstbetrieb nach wie vor unterrepräsentiert. Im Vorwort des kleinen Ausstellungskatalogs vergisst auch Barbara Esch Marowski als Leiterin der Kommunalen Galerien Tempelhof-Schöneberg nicht zu erwähnen, dass die Bundesländer nach einer Untersuchung ein Drittel mehr Werke von Künstlern als von Künstlerinnen ankaufen. Für deren Arbeiten bezahlen sie im Schnitt zehn Prozent mehr als für Kunst von Frauen mit vergleichbarer künstlerischer Karriere.

Es sei „eine Kernaufgabe der Abteilung Kunst, Kultur und Museen, im Bezirk lebende Künstler zu fördern“. Deshalb die Kooperation im Fall von „Heim_Spiel“, der man trotz aller Sympathie die Unzulänglichkeit der Räume vorhalten muss. Man möchte „möbeln 1“ von Gabriele Regiert, die mit bewusst ärmlichen Materialien wie Spiegelfolie und Karton ein Interieur imaginiert, nicht zwischen zwei Türen zum Aktenraum „Bereich Wohnungswesen“ sehen. Eine rudimentäre Ausstellungsarchitektur ließe die Kommunale Galerie weit besser aussehen.

Dass sie (noch immer) eine wichtigeFunktion erfüllen, zeigen die versammelten Arbeiten. Es ist ein Querschnitt durch die Generationen und Nationalitäten. Jüngste ist die israelische Künstlerin Trudy Dahan, die in ihrer fotografischen Arbeit das Figurenverbot der jüdischen Religion mit einem Selbstporträt kontrastiert: Fast nahtlos verbinden sich die Ornamente eines Teppichs mit dem Haar der 1985 Geborenen und leiten vom abstrakten Muster zum konkreten Bildnis.

Spuren der persönlichen Gegenwart finden sich auch bei Esther Ernst. Sie hat Akten voller Postkarten aus aller Welt zum Durchblättern ausgelegt. Auf den Rückseiten dieser meist geschönten Ansichten erzählt sie sehr komisch, mit fragilen Zeichnungen und Kommentaren von den Widrigkeiten des Alltags. Die Arbeit von Nora Fuchs erschließt sich dem, der sich auf die Matratze fallen lässt. „Nacht im Hotelzimmer“ sieht aus wie ein halbes Bett und scheint schräg aus der Wand zu ragen. Unter dem Plumeau verstecken sich die Sensoren der interaktiven Soundinstallation; Bei Berührung entlassen sie allerhand Geräusche der virtuellen Zimmernachbarn.

Schwieriger wird es vor der Installation „MKA/Sparen“, mit der Susanne Kienbaum im vergangenen Jahr auf die knappen Ateliers in der Stadt aufmerksam machen wollte. Ein Baugerüst an ihrem Wohnhaus hat sie mit Holzkisten vom nahen Markt ein Stück weit verschalt und so einen temporären Raum geschaffen. Er schmiegt sich nun allerdings etwas ambitionslos an die Treppe der Galerie.

Die dokumentarischen Fotografien von Christine Kisorsy spiegeln das Thema unmittelbar. Die New Yorkerin hat sich mit Bremerhaven eine schrumpfende Stadt vorgenommen und präsentiert in ihren Leuchtkästen die vernagelten Fenster und Eingänge verlassener Häuser. Sie bieten so wenig Behausung wie Berlin jenen drei polnischen Männern, die Karina Pospiech 2011 für ein vom Warschauer Goethe-Institut initiiertes Projekt gefilmt hat. Mit dem Handy, um eine persönliche Situation herzustellen. In „The world you want to live in“ erzählen die Obdachlosen von ihren Leben – mal weinerlich, mal selbstbezichtigend, immer chancenlos.

Wie ein zynischer Kommentar wirkt da der Turm aus Blümchenkaffeetassen, den Anke Eilergerhard errichtet hat. Doch auch diese zum „Denkmal“ (2011) geronnene Heimeligkeit wirkt wie kurz vor dem Balanceverlust. Ähnlich die Skulptur „Shape“ (2010) von Ev Pommer, die mit dünnen Hölzern und Farbe einen abstrakten Raum beschreibt oder die großen Gemälden Sabine Beyerles, deren Eindrücke aus Zimmern und Außenansichten in farbigen Collagen zu implodieren scheinen.

„Heim_Spiel“ ist zweifellos ein Schub für das Frauenmuseum Berlin. Genau wie die beiden neuen Frauen im Vorstand, mit denen sich Rachel Kohn die Arbeit künftig teilen kann: Julie August, die lange selbst eine Galerie geführt hat, und Designerin Catharina Schmeer. Gern würde man sie auch im Netzwerk Frauenmuseen finden. Sonst könnte man am Ende noch denken, dass ihre Unsichtbarkeit die alten Muster der Konkurrenz zwischen Bonn und Berlin wiederholt.

„Heim_Spiel“, Galerie im Rathaus Tempelhof, Tempelhofer Damm 165, bis 11. Mai, Mo –Fr 10 –18 Uhr. Weitere Infos unter: www.frauenmuseumberlin.de

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