Kultur : "Hilfe! Ich bin ein Fisch": Ich Qualle, du Seestern

Brigitte Böttcher

Die Psychoanalyse hat einen Test hervorgebracht, bei dem man jedes seiner Familienmitglieder als Tier malen soll. Wer das mal ausprobiert, merkt schnell: Gar nicht so einfach, alle Eigenschaften eines Menschen in einem Affen, einer Eule oder einem Pferd wiederfinden zu wollen. Weniger schwierig allerdings, wenn es sich bei den darzustellenden Menschen selbst nur um gezeichnete Protagonisten mit klarem Profil handelt: Für den Zeichentrickfilm "Hilfe! Ich bin ein Fisch" mussten die Illustratoren aus den drei Hauptfiguren, die einen Verwandlungstrunk zu sich nehmen, Meerestiere machen. So wird aus dem 13-jährigen optimistischen Frechdachs Fly ein vorwitziger gelber Fisch mit Tolle und Baseballmütze, aus seiner kleinen Schwester Stella ein sommersprossiger Seestern, neugierig und süß, und aus dem pummeligem, neunmalklugen Cousin der beiden eine bebrillte Qualle.

Unter Wasser haben diese drei fortan jede Menge Spaß, singen disneyeske Easy-Listening-Popsongs und entdecken die - dreidimensional und weitgehend kitschfrei animierte - Welt der Tiefsee. Bis ihnen klar wird, dass sie binnen zweier Tage den Trunk zur Rückverwandlung schlucken müssen, wenn sie nicht ewig ohne Lunge leben wollen. Die kostbare Flasche hat sich aber bereits ein echter Fisch namens Joe unter die Flosse gerissen, und der gerät nach tiefem Schluck daraus selbst auf den Pfad zur Menschwerdung: Er entwickelt Intelligenz. Und wird zur ernstzunehmenden Gefahr für die Kinder.

Schade, dass der schöne Ansatz unbefriedigend aufgelöst wird. Denn der schlau werdende Joe erschafft - arg schnell, nebenbei bemerkt - ein uniformes Unterdrückungssystem, das in seiner imposanten, aber düsteren Darstellung an "1984" erinnert. Also was? Tiere sind die schlechteren Menschen? Intelligenz führt zu Machthunger führt zu Unterwerfung? Produzent Eberhard Junkersdorf sagt dazu vage, das Ganze sei als eine "Parabel über Macht" zu verstehen, die erkläre, wie Gewalt entstehe und wohin sie führen könne. Nun ja.

Insgesamt geht die Geschichte tempo-, fast actionreich zu Ende. Drumherum hat sie zudem offenkundig alles, was ein solcher Film braucht: prominente Synchronsprecher (Thomas Fritsch, Carin C. Tietze, Rainer Basedow), neueste Technik, ein bisschen Europa und toll klingende Superlative. "Hilfe! Ich bin ein Fisch" ist die bisher teuerste europäische Koproduktion auf dem Zeichentricksektor, ein aufwendig gemachtes und unterhaltsames Abenteuer. Etwas wirklich Besonderes ist dabei allerdings nicht herausgekommen, weder inhaltlich noch ästhetisch. Daran können auch aufmerksamkeitsfördernde Begleitprodukte wie Computerspiel, Hörspiel und starbesetzter Soundtrack nichts ändern.

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