Kultur : Himmel über Amerika

Wo blinde Flecken sichtbar werden: neue Videoarbeiten von Heike Baranowsky in der Berliner Galerie Barbara Weiss

Katrin Wittneven

Schon lange wollte die Berliner Künstlerin Heike Baranowsky eine Videoarbeit mit Vogelschwärmen realisieren. Doch erst während ihres Los-Angeles-Stipendiums, das sie kurz nach dem 11. September 2001 angetreten hatte, las sie in der Zeitung von einer Zugvogelplage im Mittleren Westen und machte sich auf nach Illinois. Tatsächlich waren die riesigen Schwärme von Staren noch da, als sie ankam. Und sie konnte die eigenwillige Choreografie einfangen, mit der sie sich am Himmel und auf den Wiesen formierten.

„Ballett“ hat Baranowsky die Sequenz von drei Minuten genannt, die sie aus dem vierstündigen Filmmaterial destillierte. Es sei nicht leicht gewesen, erzählt die Künstlerin, in den sensiblen Zeiten Filmaufnahmen zu machen. Jeder Schritt der unbekannten Besucherin wurde von den Bewohnern des ehemals deutschsprachigen Städtchens „Germantown“ registriert. Immer wieder riefen wachsame Bürger die Polizei, und die Künstlerin musste erneut erklären, warum sie ihre Kamera mitten in der fast unbelebten Landschaft auf ein Stativ setzte. Dabei hält gerade sie sich normalerweise mit Erklärungen gerne zurück und lässt die Auslegung ihres Werks lieber offen.

So bleibt auch der Besucher angesichts der drei Videos in der Ausstellung „American Skies“ bei Barbara Weiss weitgehend auf sich gestellt: Neben den Staren in Illinois zeigt ein zum Loop geschnittener Film die unendlich langsamen Drehungen eines Zeppelins über dem Abendhimmel von Pasadena. Die Führerkabine und den Werbeaufdruck hat die Künstlerin wegretuschiert, so dass allein ein ovales unbekanntes Flugobjekt für den Betrachter erkennbar bleibt. Die dritte Projektion spielt mit dem Genre des Westerns: Eine so genannte Steppenhexe ist zu sehen, ein rundes Bündel aus Reisig und Stroh, das der Wind an der Kamera vorbei dem Horizont entgegentreibt. Die karge Umgebung – ein kleines Naturschutzgebiet zwischen L. A. und Las Vegas – wurde im Video künstlich eingefroren, allein das Reisigbündel ist in Bewegung, was den surrealen Eindruck der Szene noch verstärkt.

Es sind maßvolle Projektionen. Verleiten die unendlichen Möglichkeiten des Mediums viele Künstler zum überdimensionalen Klang- und Bilderrausch, beschränkt sich die 1966 in Augsburg geborene Künstlerin auf kleine Eingriffe und bescheidene Maße: Knapp ein Meter breit sind die Projektionen an der Galeriewand. Unverhüllt stehen die Projektoren davor. Der Ton fehlt. Unverkennbar: Hier geht es um etwas anderes als die große Illusion.

Dabei lotet die Künstlerin in ihren Arbeiten durchaus die Möglichkeiten des Mediums aus. Sie setzt Bilder neu zusammen, spiegelt Aufnahmen, variiert Details in der digitalen Nachbearbeitung oder ändert Laufrichtung und Geschwindigkeit. Durch die Aneinanderreihung von aufgenommenen Bäumen und minimale Verschiebungen in der Projektion erzeugte sie vor zwei Jahren in einer Ausstellung in den Berliner Kunst Werken den dreidimensionalen Eindruck eines Waldes. Die Eingriffe in den drei neuen Arbeiten sind noch zurückhaltender. Der Film mit den Vögeln ist nahezu unbearbeitet und hat einen erkennbaren Anfang und ein Ende. Das ist etwas Besonderes im Werk der Berliner Künstlerin, gehörten doch die geschlossenen Filmloops bisher zu den Charakteristika ihrer Arbeit. Auch „Blown in the Wind“ beginnt mit dem Schatten des ankommenden Reisigbündels und endet, als es in der Prärie verschwindet. Doch die kleinen Verschiebungen genügen, um die Natur als etwas Fremdes zu sehen. Das Auge springt wie bei einem Vexierbild für einen Moment um. Die Vögel werden zu Löchern auf der Leinwand, der Zeppelin zum sichtbaren blinden Fleck unserer Wahrnehmung (Videofilme auf DVD, 5er-Auflage, je 12 000 Euro).

Einen gedanklichen Pfad für den Betrachter weisen in der aktuellen Ausstellung auch vier Pressefotos, die Heike Baranowsky ausgewählt hat. Eine Aurora Borealis in Alaska, ein Himmelsphänomen, das wie eine überdimensionale Sternschnuppe aufleuchtet, daneben die fehlgeschlagene Landung auf einem Flugzeugträger, ein Hubschrauber in Afghanistan und ein Vogelschwarm. Es sind hoch ästhetische Fotos, auch wenn sie unverkennbar das Aufrüsten der amerikanischen Kriegsmaschinerie thematisieren.

„Amerika hat mir von den Bildern her viel gegeben“ meint Baranowsky, die sonst in London oder Berlin lebt. Ohne Frage ist damit nicht nur die Nähe Hollywoods gemeint, obwohl es in den drei neuen Arbeiten deutliche Verweise auf das amerikanische Kino gibt. Mehr noch ist eine unterschwellige Bedrohung spürbar. Gerade die ungreifbaren Vogelformationen, die in manchen Momenten das fixierte Kamerabild nur streifen, visualisieren auch unkontrollierbare Aggression. „Die Masse will immer wachsen“, schreibt Elias Canetti 1960 in seinem Essay „Masse und Macht“. Ein anderes Kapitel heißt „Die Masse braucht Richtung“. In dem Video von Heike Baranowsky kreisen die Vögel wie eine dunkle Wolke über der Weite des Landes.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88–91, bis 29 März; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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