Kultur : "Himmel und Hölle" am Prenzlauer Berg

Norbert Tefelski

Eine altehrwürdige Veranstaltungsreihe ist umgezogen, vom Tränenpalast in die Wabe, mitsamt Original-Moderator und -"Kulisse": Spiritus rector Josh Sellhorn steht vorm Transparent, darauf ist "Jazz Lyrik Prosa" zu lesen, in flippiger Frühsechziger-Schrift. Hier, im Ernst-Thälmann-Park, will alles ein bisschen wie damals sein, vom kostenlos verteilten "Magazin" am Eingang bis zum ruhmreichen DDR-Jazzer auf der Bühne. Das Ulrich Gumpert Trio eröffnet die 42. Folge der dunnemals vom Verlag Volk und Welt ins Leben gerufenen literarmusikalischen Mixtur. Die heißen Haudegen begeistern von Ornette Coleman bis Sonny Rollins, wohldosiert sind die freien Eskapaden - und stimmig, wie in Gumperts zweiteiliger Komposition "I Smell A Rat", die pink panther-like in den Gehörgang schleicht, um sich dort hysterisch zu verhaspeln. Zwischen den Stücken zerliest die Schauspielerin Heide Bartholomäus mit zu viel Emphase dröge Max-Goldt-Geschichten. Aber eben dies emotionale Extra kommt einigen Titeln zugute, als sie sich nach der Pause des Singens befleißigt.

"Himmel und Hölle" heißt die Veranstaltung, das ist eigentlich der Titel ihres gemeinsamen Programms mit Bardo Henning. Das wird hier auszugsweise präsentiert und von beiden neu eingefärbt. Der stämmige Musikus am Flügel (der vor anderthalb Jahren einigen Wind entfachte, als er die beiden deutschen Nationalhymnen in einer Klangcollage vereinte) ertastet das Swingpotenzial in Zwanziger-Jahre-Chanson und -Schlager, transportiert mit bemerkenswert kraftvollem Akkordeon den "St. James Infirmary"-Blues. Die schmale Sängerin wird Klassikern von Heymann gerecht, lässt bei Ellington Wünsche offen: Mehr Stimme als Darstellung täte "Solitude" gut. Klügelnde Überleitungszitate erzeugen Stirnrunzeln. Was ist Hölle, was Himmel? Letzteren streift Gertrude Stein, mehrfach von Henning vertont, doch leider nur mit einem Beispiel vertreten.Nächster "Jazz Lyrik Prosa"-Termin: 7. 4.

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