Kultur : Himmelshochzeit

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Jörg Plath über den Kauf des

Berlin Verlags durch Bloomsbury

Die Zeiten werden immer härter. Nur die Prosa, in der Unternehmenskäufe bekannt gegeben werden, klingt immer blumiger. „A marriage in heaven“ nannte Arnulf Conradi gestern den Kauf seines Berlin Verlags durch den englischen Verlag Bloomsbury. Und das Schönste ist: Unrecht hat er nicht. Auch hienieden auf Erden sieht alles nach einer Liebesheirat aus. Beide Partner verlegen Literaturstars wie Margret Atwood, Nadine Gordimer und David Guterson, und die Verleger kennen sich seit langer Zeit.

Nigel Newton, Verleger des vor 20 Jahren gegründeten Bloomsbury Verlages, riet Arnulf Conradi, damals noch Cheflektor bei S. Fischer, bei der Verleihung des Nobelpreises an Nadine Gordimer, einen Verlag – sollte er je einen gründen – nach einem Ort zu benennen. Bloomsbury zum Beispiel erinnert an die Künstlerszene um Virginia Woolf. 1994 gründete Conradi dann gemeinsam mit Graf von der Goltz und Andreas Reinhart den Berlin Verlag, ein mittelgroßes Unternehmen, dem anfangs viel Sympathie von Kritik und Buchhandel entgegenschlug.

Schon bald freilich machten die beiden Verlage sehr unterschiedliche Erfahrungen. Conradi verkaufte 1998 die Mehrheit am Berlin Verlag an Bertelsmann, um, wie er sagte, als belletristischer Verlag überleben zu können. Bertelsmann sicherte die verlegerische Freiheit zu, drängte aber angesichts der Krise im Buchhandel auf geringere Verluste, die nicht zuletzt wegen des zwischenzeitlich gegründeten Berliner Taschenbuchverlags anfielen. Vor einem Monat kaufte Conradi dann seinen Verlag zurück, auf eigene Kosten. Falls er keinen Investor finde, sei er bald Pleite, sagte er dem Tagesspiegel.

Bloomsbury dagegen entschied sich vor einigen Jahren, das Manuskript einer gewissen Joanne K. Rowling zu verlegen. Seitdem geht es Bloomsbury wie im Märchen: Unablässig schwemmt Harry Potter Geld in die Kassen, allein im letzten Jahr über elf Millionen Pfund vor Steuern. Wohin damit? Vor einem Jahr gründete Bloomsbury in München einen deutschen Ableger. Nun wird der Berlin Verlag zu 100 Prozent übernommen.

Arnulf Conradi bleibt verlegerisch selbständig, er erhält rund zwölf Prozent Aktien von Bloomsbury – den Gegenwert seines Verlages. Beide Häuser können bei Lizenzverhandlungen gestärkt auftreten, und schon im Herbst soll in Berlin ein Kinderbuchprogramm unter dem Label Bloomsbury erscheinen. Auch die Autoren, darunter Richard Ford, Péter Esterházy und Tilman Spengler, äußern sich zufrieden.

Wie auch nicht? Bloomsbury ist ein Glücksfall für den Berlin Verlag. Vielleicht wird es Zeit für die internationale Verflechtung nicht nur der Medienkonzerne, sondern auch mittlerer Unternehmen. Ein Glücksfall – aber auch ein Einzelfall. Harry Potters Zauberstab ist nicht für jeden da.

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