Kultur : Himmelsstücke

Ulrich Clewing

Ach, Berlin! Es gibt so viele Möglichkeiten, sich der Stadt anzunähern: mit der Bahn, dem Auto, per Flugzeug. Das Künstlerpaar Römer und Römer , bisher vor allem durch thematisch recht weiträumig gefasste Ausstellungen wie „Der Tod“ oder „Liebe“ aufgefallen, ist zu Fuß gegangen: durch Kreuzberg, Treptow, Prenzlauer Berg, in den Palast der Republik und den Mauerpark. Die Eindrücke, die die beiden von dort mitbrachten, haben sie anschließend in großformatige Gemälde umgesetzt, die jetzt in der Galerie Michael Schultz zu sehen sind (Mommsenstraße 34, bis 18. 3.) . Spielende Kinder an der Rutsche im Görlitzer Park, ein Vater mit seinem adoleszenten Sohn auf dem Flohmarkt, ein „Performer vor Wrangel-Eck“, das sind die Motive, die außer einer klaren Foto-Perspektive auch noch diesen leicht nostalgischen Schimmer von Vergänglichkeit und Erinnerung haben. Gemalte Schnappschüsse, die Alltägliches zeigen und den Alltag gleichzeitig überhöhen – bis die Grenze zum Eindimensionalen erreicht ist – und manchmal leider auch überschritten wird (2400 bis 5600 Euro).

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Yoko Ono dagegen ist ganz sicher mit dem Flugzeug nach Berlin gekommen. Oder mit einer Personenrakete, es muss halt alles schnell gehen, schließlich hat man in den Kreisen, in denen sie sich bewegt , immer ganz unglaublich wenig Zeit. Und man muss sagen: Das ist zu spüren. Hätte sie sich ein bisschen mehr Ruhe gegönnt, wäre sie vielleicht auf andere Gedanken gekommen als diese: Die Stadt Berlin ist ein Organismus, den man lieben kann – was speziell anhand eines alten und eines neuen Stadtplanes offenbar wird („Heal“); der Mensch an sich besteht hauptsächlich aus Wasser („We’re all water“); außerdem ist der Zweite Weltkrieg echt noch nicht lange her („Pieces of Sky“). Damit wäre Onos dreiteilige Ausstellung in der Galerie Davide di Maggio eigentlich hinreichend beschrieben, obgleich noch erwähnt werden sollte, dass die Stahlhelme von „Pieces of Sky“ verkehrt herum von der Decke hängen. Und was immer das nun wieder zu bedeuten hat, allzu kompliziert darf man sich das nicht vorstellen (Sophienstraße 21, bis 28. 3., Preise auf Anfrage) .

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Völlig rätselhaft ist im Vergleich dazu das, was Carol Bove unter dem Titel „The Sky over Berlin“ im Schaukasten der Galerie Esther Schipper präsentiert (Linienstraße 85) . Bekannt geworden ist die 1971 in der Schweiz geborene, inzwischen in New York lebende Künstlerin durch stark assoziative und manchmal etwas sprunghafte Installationen und Materialassemblagen. So auch hier: Ein paar Würfel aus durchsichtigem Plexiglas, Ziegelsteine, eine Pfauenfeder, ein sehr entfernt an Brancusi erinnerndes längliches Holzstück auf einem Sockel. Dazu ein merkwürdiges Etwas auf einer kleinen Lattenkonstruktion, das aussieht wie ein Jakobinerhut, und über allem ein Firmament aus dünnen Messingstangen: Das sind die Bestandteile von Boves Berlin-Arbeit (45 000 Dollar). 1972 prägte Harald Szeemann den Begriff der „individuellen Mythologien“ und meinte damit Werke, die auf dem „Feld subjektiver Mythenbildung den Anspruch auf Allgemeingültigkeit“ erheben. Könnte sein, dass Boves „Sky over Berlin“ da hineinpasst. Die persönliche und offene Bühneninstallation scheint die einzig adäquate Möglichkeit zu sein, dem Assoziationsraum Berlin gerecht zu werden.

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