Hingehen: Peter Roehr : Fahren, fahren, fahren

Ein Held des deutschen Minimalismus, dessen Kunst von ihren Widersprüchen lebt: Peter Roehrs Collagen sind geprägt von Pathos und Leichtigkeit, Strenge und Ungenauigkeit.

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Peter Roehr: "Ohne Titel", 1965.
Eine Collage vom deutschen Minimalisten Peter Roehr. "Ohne Titel", 1965.Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Das Lob der Serie wird gerade in der Fasanenstraße gesungen, jener Berliner Meile, die im letzten Moment dem Abriss für eine Tangente entging. Das neu erwachte Bewusstsein um die historische Substanz der Stadt sorgte für die Rettung. Wer davon weiß, dem scheinen die Zierelemente an den Fassaden aus dem 19. Jahrhundert, die verspielten Erker der Villen noch ein wenig prunkvoller, noch kostbarer als in anderen Straßen.

Die 37 Werke des jung verstorbenen Peter Roehr in der Galerie Grisebach (Fasanenstr. 27, bis 29. 10.) versetzen zurück in die Sechziger, in jene Zeit der noch ungehemmten Autobegeisterung, der Phase gnadenloser Planierungen zugunsten eines fließenden Verkehrs. „Fahren, fahren, fahren“, das scheint auch der Slogan vieler seiner Collagen zu sein, in denen der immer gleiche Ausschnitt einer Autowerbung – die Rückansicht eines Ford oder die sich spiegelnde Motorhaube eines VW – zu einem quadratischen Tableau angeordnet ist. Aus der Nähe verraten sie den Fetischismus der automobilisierten Gesellschaft, aus der Ferne verschwimmen sie zum abstrakten Muster. Die Collagen mit den sich ewig fortsetzenden Goldrand-Kaffeetassen, den dauerlächelnden Mündern kritisieren die Konsumgesellschaft und feiern durch die Stereotypisierung zugleich den Genuss. Inhalt und Form heben einander auf. Die Pattern wirken neutralisierend.

Meditative Gleichförmigkeit

Roehrs Arbeiten leben vom Widerspruch: Sie besitzen Pathos und Leichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Ironie, konzeptuelle Strenge und liebenswerte Ungenauigkeiten. Innerhalb von nur fünf Jahren schuf der gelernte Reklamemaler und spätere Student der Wiesbadener Werkkunstschule mit Schere und Kleber am Küchentisch seiner Mutter ein geradezu atemberaubendes Werk. Fast scheint es, als habe er geahnt, wie wenig Zeit ihm blieb. 1966 starb Roehr mit 24 Jahren an Krebs. Die meditative Gleichförmigkeit seiner Collagen durchpulst eine spürbare Unruhe. All die Etiketten, Pappbuchstaben, Diarahmen, die er untereinander auf Karton klebte, drängt ein Stakkato, ein visueller Rhythmus.

Heute gilt Roehr als ein Klassiker, ein früher, einsamer Held des deutschen Minimalismus, der mit Jahrzehnten Verzögerung Einzug in die Museen gehalten hat. Dieses Erstaunliche ist auch in den scheinbar banalsten Objekten aufbewahrt, die Roehr für seine Reihungen verarbeitete. Nur so lässt sich erklären, dass seine knapp 200 zum Quadrat formierten Streichholzschächtelchen 220 000 Euro kosten sollen. Auch Malewitschs Quadrat wurde lange unterschätzt.

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