Kultur : Hinsehen und Erkennen - Diskurs der Intermedialität

Michael Nungesser

Plötzlich zuckt man zusammen. Die porträtierte Frau bewegt sich. Musik tönt laut durch den Raum, Beats hämmern, Stimmen ertönen, wenige Sekunden lang. Dann wird es erneut still. Denn nur auf den ersten Blick scheint das an der Wand hängende Bild still und stumm. Was eine Diaprojektion sein könnte, ist tatsächlich ein digitales Video, das genau 5 Minuten und 29 Sekunden dauert. In dieser Zeit ist die Zigarette, die die junge Frau in der Rechten hält, abgebrannt: Ein Realzeitporträt von Zigarettenlänge. Das Bildnis "portrait with cigarette" (je nach Auflage 12 000 bis 14 000 Mark) erscheint durch seine kunsthistorische Reverenz wie gemalt, ein gefilmtes tableau vivant. An die Stelle der gerahmten Leinwand tritt jedoch ein flacher Bildschirm, verbunden mit einem dezent plazierten Lautsprecher.

Von der wie ein Mann posierenden Frau sind nur das Gesicht, der offene Hemdkragen und der über der Brust gekreuzte rechte Arm zu sehen. Stoisch fixiert sie den Betrachter. Doch nicht nur der Zigarettenrauch wabert kontinuierlich, auch ihren Körper durchläuft bisweilen ein leichtes Zittern, ein Augenaufschlag ist zu beobachten, ein Schlucken. Und dann taucht urplötzlich aus dem Dunkel die zweite Hand auf, schaltet mit der Fernbedienung die Musik an und wieder aus: Man erschrickt, ist aber auch erlöst vom Zweifel über den medialen Status dieses so traditionell sich präsentierenden Bildes.

Autorin dieses grenzgängerischen Experiments der Intermedialität ist A. K. Dolven. Die 1953 in Oslo geborene Künstlerin, die in Berlin, London und auf den norwegischen Lofoten lebt und im April den renommierten Fred-Thieler Preis erhalten wird, agiert schon seit längerem mit spielerischer Klarheit an der Grenze zwischen Malerei und Video. Sie malt Bilder und dreht Videos: parallel, unterscheidbar, und doch von frappierenden Bezügen in der Art, mit Wahrnehmung von Zeit, Licht, Raum und (Farb-) klang umzugehen. Ihre auf Aluminium gemalten Bilder "Some Air" (7500 Mark) und die großformatige Dreiergruppe "Will you love me tomorrow too" (je 18 500 Mark) erscheinen als helle Leer-Flächen, leicht zu überschauen, im doppelten Sinne: Erst bei ruhigem Hinsehen schälen sich aus der auf minimale Lichtveränderung reagierenden Oberflächentextur symmetrisch angeordnete Schleifenformen aus der Monochromie heraus. Die glatten Oberflächen lassen plötzlich feine Grate verschiedener Farbschichtungen erkennen, und das dominierende Weiß beginnt zu schimmern.

Den Videoarbeiten ist diese Fokussierung auf die Veränderung in der Temporalität der Wahrnehmung schon inhärent. Auch "puberty" (je nach Auflage 12 000 bis 14 000 Mark) transponiert das klassische Genre der Malerei in den zeitgenössischen Diskurs des bewegten Bildes. In diesem Fall ist die auf die Wand projizierte Szene bis zu dem Schatten des auf dem Bett sitzenden Mädchens eine Reinszenierung des gleichnamigen Bildes von Edvard Munch. An Stelle passiven Gewahrwerdens der eigenen Sexualität bei Munch zeigt Dolven die junge Nackte jedoch entspannt mit großen Kopfhörern. Ganz in die Musik vertieft, wippt sie gelegentlich mit den Füßen oder bewegt fast unmerklich im Takt die Finger. Als säße sie uns tatsächlich gegenüber, hören wir das rhythmische Rauschen der Musik. Dolvens unexpressive, ja lang-weilige Kunst entpuppt sich hier in der Verschränkung von Realität und Abbild und Neuinterpretation tradierter Sujets als höchst erkenntnisreiches Erlebnis, das Zeiterfahrung in ästhetische Wahrnehmung übersetzt.Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 26. Februar; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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