Kultur : Hinter dem Vorhang, wo ich einmal war

Erinnerungslosigkeit als Flucht und Segen: Walter Jens und die Wahrheit über seine NS-Verstrickung

Gregor Dotzauer

Vielleicht war anfangs auch ein wenig Hysterie im Spiel, die Lust am Skandal oder sogar Gehässigkeit. Doch welche Misstöne es in der Debatte um die mögliche NSDAP-Mitgliedschaft von Walter Jens gegeben haben mag: Wie Adolf Muschg zu behaupten, „der Kern der Sache“ sei, dass man in den Medien einfach „Novitäten braucht und dass man jetzt als Neuigkeit handelt, dass eine Autorität gerade in Sachen Liberalität irgendwo einen Flecken hatte“ – das ignoriert den Stand der Dinge. „Ich finde, dass es eine derart pubertäre und infantile Art ist, jetzt Leuten wie Walter Jens, Peter Wapnewski oder Walter Höllerer nachzuweisen, dass sie als junge Leute verführbar waren“: Muschgs Äußerung im RBB klingt so, als wollte der neue Präsident der Berliner Akademie der Künste seinem Vorvorgänger auf Gedeih und Verderb die Stange halten, um dann alle Vorwürfe gedankenlos beiseite zu wischen: „Es ist so saudumm mit Verlaub.“

Wenn Muschg damit auch die Wortmeldung von Michael Naumann in der aktuellen „Zeit“ meint, dann unterschätzt er, was mittlerweile diskutiert wird. Denn wie immer man eine inzwischen wohl nachweisbare Parteimitgliedschaft des jungen Jens beurteilt: Jemand, der wie Jens als Spezialist des öffentlichen Mahnens und Erinnerns gilt, ist in besonderem Maße aufgefordert, die Abgründe zwischen historischer Wahrheit und persönlicher Wahrhaftigkeit auszumessen. Walter Jens, ein „Kapellmeister“ bei den „sinfonischen Instrumentierungen des nachgeholten Antifaschismus im Feuilleton-Alltag der fünfziger und sechziger Jahre“, wie Naumann schreibt, müsste schon aus eigenem Interesse unter den Frack schauen, bevor er mit frisch gestärktem Hemd das nächste Mal ans Pult tritt.

Die richtige Haltung im Fall Jens mit Hilfe von Quellenmaterial und Zeugenaussagen zu finden, ist nicht leicht – oder gar unmöglich. Was (ihm) im Einzelnen geschehen ist, lässt sich womöglich nicht mehr klären. Aber dass sich Walter Jens in der Angelegenheit seit seinem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ vom 8. Dezember um Kopf und Ehre redet, ist offensichtlich. Sich als „Mann des peut-être“, des Vielleicht, zu deklarieren, wirkt in einer solch heiklen Angelegenheit mehr als unklug. Sich damit zu verteidigen, dass er 1944 weder ein „großes Werk geschrieben“ noch „der SS beigetreten“ sei, was ihm ja wirklich niemand vorgeworfen hat, kommt einem Schuldeingeständnis im Kleinen gleich. Und als emeritierter Rhetorikprofessor zu erklären, „ich glaube nicht, dass ihr Recht habt, aber auch Umzugskarten sind am Ende Belege“, bringt über den performativen Widerspruch des Satzes hinaus eine gefährliche Perspektive ins Spiel: die subjektive Wahrheit eines Ichs, das sich gegenüber dem Rest der Welt – „ihr“ – zu rechtfertigen sucht, auch wenn ihm nur ein einziger Frager gegenübersitzt. Jeder, der in Stasi-Angelegenheiten ähnlich Nebulöses verbreiten würde, wäre verloren.

Es geht bei alledem nicht um konkrete Schuld in der Vergangenheit. Zu Gunsten von Jens sollte man annehmen, dass er als NSDAP-Mitglied – was er durch eine Umzugsmeldung an die Partei offenbar bestätigt hat – weniger Leid verursacht hat als jeder parteilose Mitläufer, der es im Alltag versäumt hat, einem anderen in Bedrängnis beizustehen. Es gibt die verschiedensten Arten von Opportunismus, und nur manche haben unmittelbar fatale Folgen. Doch bevor man die demokratischen Verdienste von Walter Jens gegen seine jugendlichen Irrungen aufrechnet, wofür man keinerlei höhere Mathematik braucht, muss man über die nach außen gewandten Verarbeitungsstrategien reden, mit denen einer wie er nach innen sein Gewissen beruhigt. Man kann, auch in einer säkularen Welt, nur Buße tun, wenn man seine Sünden zuvor eingestanden hat – und wenn darüber sechzig Jahre vergehen.

Die Entsorgung des Ungenügens an sich selbst, die Jens in literarischen Arbeiten erprobt hat, die just die Vergegenwärtigung verdrängter Nazi-Vergangenheit zum Thema haben, ist dabei ein probates Mittel. Auf ganz andere, nicht weniger effektive Art, hat der Belgier Paul de Man seine antisemitischen Kriegsschriften später in seiner dekonstruktivistischen Literaturtheorie unlesbar gemacht. Immerhin sind hier noch Spuren zu entziffern, in denen das Verdrängte manifest wird. Erprobt ist auch das Schweigegebot, das sich Marcel Reich-Ranicki über seine zunächst strikt geleugnete Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg auferlegt hatte. Der nächste Schritt war die Bagatellisierung der eigenen Rolle und Kontakte, mit der sich erst jüngst Günter Wallraff gegen den Verdacht verteidigte, er habe in der Bundesrepublik als Stasi-IM gearbeitet.

Gespenstischer mutet die Erinnerungslosigkeit an, die Jens für sich reklamiert. Dabei dürfte gerade sie – auch zum Guten des Menschen – häufiger sein, als man denkt. Man unterschätzt die Fähigkeit des Menschen, sich seine Autobiografie so zurechtzulegen, dass selbst die schwersten Traumata in der Geschichte, die man sich von sich erzählt, nicht berührt werden. Deshalb heißt, etwas zu leugnen, noch lange nicht: zu lügen. Die Lüge in all ihren Formen ist ein bewusster Akt – zumindest einer, der an die Oberfläche des Bewusstseins gehoben werden kann. Das Leugnen dagegen kann einer hart erarbeiteten, therapeutisch vielleicht sogar resistenten Erinnerungsunfähigkeit entspringen.

Es lohnt sich, dazu Primo Levis meisterlichen Essay „Die Untergegangenen und die Geretteten“ zu lesen, der die Welt des Konzentrationslagers mit seinen vielfältigen Erinnerungsmechanismen von Opfern wie Tätern als Modell für das Erinnerungsvermögen betrachtet. „Ein Grenzfall der Verformung einer Erinnerung an eine begangene Schuld ist ihre Unterdrückung“, schreibt Levi. „Auch hier kann die Abgrenzung zwischen ,Treu-und-Glauben’ einerseits und ,Wider-besseres-Wissen’ andererseits ungenau sein. Hinter dem ,Ich weiß nicht’ und dem ,Ich erinnere mich nicht’, das man in den Gerichtssälen zu hören bekommt, steht manchmal der entschiedene Vorsatz zu lügen, aber andere Male handelt es sich um versteinerte, zur Formel erstarrte Lügen. Das Erinnern hat zum Nichterinnern werden wollen, und es ist ihm gelungen.“

Man möchte Walter Jens nicht wünschen, dass er aus der Erinnerungsferne, sich selbst undurchschaubar geworden, solche Versteinerung als Erfolg ansieht.

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