Kultur : Hip und hopp

Das Deutsche Theater Berlin eröffnet die Spielstätte „Box und Bar“

Andreas Schäfer

Eine Rede! Wie es sich bei der Eröffnung von etwas Vielversprechendem gehört, wird nicht nur über die Zukunft, sondern auch über die Vergangenheit gesprochen. „Ganz kurz“, sagt Bernd Wilms, Intendant des Deutschen Theaters, und tritt ans Mikrofon vor den schwarzen Kubus. Der steht dort, wo sich früher die Garderobe der Kammerspiele im Ungefähren eines langen Schlauchs verlor. Er sei froh, diese neue, kleine Spielstätte zu eröffnen, in Zeiten des „Karlsruher Urteils“ keine Selbstverständlichkeit, „dank der Unterstützung durch die Deutsche Klassenlotterie aber trotzdem möglich“, wenngleich die zur „Box“ gehörende „Bar“ noch nicht fertig sei. Immerhin: Der neue graue Teppich und die schicken braunen Lederbänke sind schon da.

Dann biegt Wilms Richtung Vergangenheit ab und beschwört die legendäre Barackenzeit, als Thomas Ostermeier die Jugend, die Aggressivität und das Experiment ans Haus brachte. Um sich im nächsten Moment gleich von Ostermeiers selbstbewusster „Unbedenklichkeit“ zu distanzieren und ein Plädoyer fürs Handwerk anzustimmen. Handwerk lerne man, so Wilms, noch immer besser als Regieassistent als an den modischen Regieschulen. Anders gesagt: Die 75 Plätze fassende „Box“ ist ein Ort, an dem Assistenten die ersten Regieschritte wagen, unaufwendig, mit kurzen Probezeiten und einem eigenen Ensemble. Niedriger kann man die Latte kaum hängen.

Auch mit der Besetzung des Spielstättenleiters: Christoph Mehler, Anfang dreißig, ist ein ehemaliger Gotscheff-Assistent. Er besorgte auch die erste der drei Eröffnungsinszenierungen, über die man lieber den Mantel des Schweigens breitet. Das Stück heißt „Opfer vom Dienst“. Geschrieben haben es die Brüder Presnjakow, die aus Jekaterinburg im Ural stammen und gerade ihre Erfolgstour durch Mitteleuropa antreten (ein Roman ist bei Kiepenheuer und Witsch in Vorbereitung). „Opfer vom Dienst“ ist eine Hamlet-Parodie, in der Walja, ein junger Russe, aus lauter Weltekel das Leben verweigert. Der Witz des Stücks erschöpft sich in seiner Grundidee. Walja, der ansonsten dauerempört bei Mama auf dem Sofa liegt, verdient sein spärliches Geld, indem er bei der polizeilichen Verbrechensaufklärung die Rolle des Ermordeten mimt. Jeden Tag lässt er sich symbolisch umbringen – eine Form des pubertären Protestes, unter anderem gegen die Tatsache, dass Mutter und Onkel seinen Vater auf dem Gewissen haben.

Das mit der Pubertät hat Mehler allzu ernst genommen; seine grelle Version gewährt einen erschreckenden Einblick in den Abgrund der Präpotenz. Pedro Stirner als Walja muss nicht nur Pelzmütze tragen, sondern auch unablässig kindisch ins Publikum nölen, wenn er nicht gerade Tisch und Stühle gegen die Wand brettert und wie ein betrunkener Rockstar über die Bühne wankt. Mehlers Groteske kennt nur die Brechstange, ohne jegliches Gefühl für Rhythmus, Form und die Verhältnismäßigkeit der Mittel. An einer Regieschule wäre er damit nicht einmal ins zweite Jahr gekommen.

Bescheidener geht es einen Tag später bei der Uraufführung von Elfriede Jelineks „Sportchor“ zu, keinem Theatertext, sondern einem Hörspiel, das im Vorfeld der Weltmeisterschaft vom BR urgesendet wurde und alle Floskeln versammelt, die jemals von Fußballern gesagt oder über Fußballer geäußert wurden. In der Regie Leonhard Koppelmanns gibt Stefan Kaminski dem gesamten Chor ein Gesicht und wechselt virtuos von einer Sprechmaske zur nächsten, wobei ihm vor allem das nasale „Ähhh!“ Oliver Kahns und die schwäbische Durchhalterhetorik eines Klinsmann gelingen.

Den Abschluss und heimlichen Höhepunkt des langen Eröffnungswochenendes bildet die Inszenierung von Moritz von Uslars Roman „Waldstein oder Der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005“. Mit „Waldstein“ kommt zwar noch immer nicht die Kunst ins Haus, aber immerhin der Glamour Berliner Halbprominenz. „Waldstein“ handelt von einem 30-jährigen Journalisten, der viel Wert auf angesagtes Schuhwerk legt und sich aus Angst vor der Ehe noch einmal in Affären und das Nachtleben Berlins flüchtet. Konflikte hat dieser Gieseking keine, dafür eine Disposition zur Hysterie und jede Menge Hauruck-Sätze, die ansatzlos die Frau oder die Welt oder die Natur erfassen wollen und dabei aus Versehen nur den Narzissmus Giesekings bloßlegen. Alexander Khuon treibt diesen unbedarften Großkotz an den verdienten Rand der Karikatur und zwinkert trotzdem kumpelhaft ins Publikum: Wir, hier, zusammen im Dorf, das Berlin heißt! Toll, was?

Das ist auch das Hauptanliegen dieses Abends: „Box und Bar“ auf der Landkarte der Hipness zu verorten. Zumindest der „Bar“ ist das gelungen. Alle sind sie da. Benjamin von Stuckrad-Barre nimmt Moritz von Uslar in den Schwitzkasten. Die versammelten Popjournalisten nicken sich freundlich zu. Berlin Mitte verschlingt sich selbst. Wie sagte Wilms vier Tage zuvor? Das Theater hat einen großen Magen. Das Vergessen auch.

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