Hiroshi Sugimoto : Wachen. Träumen. Sehen

Das Nichts und die Ewigkeit: der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto in Düsseldorf mit seinen "Sea Scapes".

Christina Tilmann
Hiroshi Sugimoto
Meister der Grautöne: Hiroshi Sugimoto vor seiner Fotoserie "Seascapesor" in Düsseldorf -Foto: ddp

Am liebsten führt er nachts Selbstgespräche, erzählt der japanische Fotograf Hiroshi Sugimoto. Fragen, die man sich nachts so stellt: Wie sah die Erde aus, bevor der erste Mensch sie betrat? Und: Können wir heute noch einen Ort finden, an dem die Erde noch genauso aussieht wie damals? Wir können, fand Hiroshi Sugimoto, in einem seiner Nachtgespräche: dort wo man nichts sieht außer Luft und Wasser, Meer und Horizont.

So sind die „Sea Scapes“ entstanden, eine bislang auf 150 Bilder angewachsene Serie von Meeresaufnahmen aus allen Teilen der Welt. Immer die gleiche Anordnung, der Horizont teilt das Bild exakt in zwei Hälften, immer SchwarzWeiß-Fotografien, eine endlose Meditation und Variation von immer gleichen Themen. Und doch: Natürlich ist es nie gleich, das Meer und die Luft darüber, verändert sich nach Wetter und Wind, Licht und Luftfeuchtigkeit. So dass der Horizont manchmal im Nebel verschwimmt und manchmal der Himmel dunkler scheint als das Meer, und irgendwann, in der Nacht, liegt nur noch ein schwacher Schimmer über dem Wasser, und alles drumherum ist schwarz. Auf einigen Bildern ist das Meer so glatt, dass nur zwei unterschiedlich grau getönte Flächen zu sehen sind, abstrakte Bilder, Konzeptkunst pur. Und wenn man ganz nah herangeht, sieht man die leichten Wellenkräusel und Riffellinien, grau in grau: in jeder Abstraktion liegt Wirklichkeit.

"Sea Scapes" - So schön wie nie

So sieht man die Welt wahrscheinlich, wenn man wachliegt, in der Nacht, wie Sugimoto bei einem seiner vielen Selbstgespräche, und das Licht verlöscht und die Dunkelheit wird schwarz und saugend, und vielleicht dämmert da noch irgendetwas nach, und irgendwann kommt silbergraues Morgenlicht. Vielleicht ist er in diesen Nachtstunden zum Meister der Grautöne geworden, der 59-jährige Fotograf, der selbst immer nur leger in schwarz-weißen Kleidern auftritt und von einer unwiderstehlichen sanften Höflichkeit ist, die man vielleicht gewinnt in langen, geduldigen Gesprächen mit sich selbst. Jetzt jedenfalls, in Düsseldorf, bei der Eröffnung der großen Retrospektive, die die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ihm ausrichtet, steht Sugimoto irgendwann ganz allein im Raum, und es sieht nicht aus, als ob ihn das stört.

Wie auch? So schön, so verführerisch und zum ewigen Verweilen ladend waren seine „Sea Scapes“ wohl noch nie zu sehen wie jetzt in Düsseldorf. Die große, hohe Halle der Kunstsammlung, sonst nur schwer und unter aufwendigen Einbauten zu bespielen, zeigt sich als kongenialer Ort. Eine 40 Meter lange Stellwand zieht sich sanft gebogen durch den Raum, von einem Ende zum anderen, und auf ihr schlicht gereiht hängen elf der Seelandschaften. Die Wand ist grau, und die Rahmen sind schwarz, und die Halle ist weiß, und Tageslicht, sonst für Fotografie eher unüblich, fällt von oben herein, und vor dieser Welle von Wand meint man am Meer zu stehen, einsam wie Caspar David Friedrichs Mönch, oder wie der kleine japanische Fotograf, und fühlt sich wie der erste Mensch.

Fotografien als Annäherung an die Ewigkeit

Fotografieren als Erinnerung, Fotografieren als Widerstand gegen die Schnelligkeit der Welt, Fotografieren als Annäherung an die Ewigkeit, das sind so Ziele, die sich Sugimoto setzt. Weshalb er bei allen Arbeiten eine alte Plattenkamera mit langer Brennweite einsetzt, wie im 19. Jahrhundert üblich, und in seinen jüngsten Arbeiten immer tiefer in die Frühzeit der Fotografiegeschichte zurückkehrt, bis zum britischen Fotopionier William Henry Fox Talbot, bei dem er paradoxerweise endlich die Farbe entdeckt. Aus Talbots Negativen stellt Sugimoto die dazugehörigen Positive her, farbige Experimentierfelder mit algenartigen Pflanzen, Blasen, Linien und Flecken darauf, Fotografien in Dunkelblau, Kupferrot und Grau, die aussehen wie Malerei.

Experimente, die bewusst mit der technischen Unzulänglichkeit spielen, wie die vorangegangene Serie der Architekturaufnahmen mit der Unschärfe spielt. Meisterwerke der Moderne wie die Villa Savoye, der Einsteinturm, das Seagram-Building oder das World Trade Center verschwimmen zu bloßen dunklen Massen, das Auge ist getäuscht und erkennt doch genau, kein Detail, aber so etwas wie die Idee des Baus. Bewusste Imperfektion, wie sie nur ein Meister der Perfektion beherrscht, der mit Graustufen spielen kann, dass einem die Augen übergehen. Etwa bei den einzigen Farbaufnahmen im bisherigen Œuvre, den „Colors of Shadow“, die einen weißen (!) Raum zeigen, in dem nur Licht und Schatten spielen, mit einer Mini-Mini-Nuance von Lila, Rosa oder Grau. Und den einzigen Farbfleck, das gelbe Parkett, übersieht man bei all den Weißtönen glatt. Und plötzlich sieht man auch die Verwandtschaft zu Gerhard Richter, dem die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zuletzt eine Retrospektive ausrichtete und der auch in der Sammlung gut vertreten ist, mit Bildern voller Graustufen, Unschärferelationen, Spiegeleffekten.

Kultur des Verschwindens

Und zu noch einem Hausheiligen existiert ein unübersehbares Band, zum unlängst verstorbenen Düsseldorfer Fotografen Bernd Becher. Ähnlich wie er arbeitet auch Sugimoto in Serien, und die schönste und berühmteste dieser Serien, „Theatres“, ist einer Kultur des Verschwindens gewidmet, wie auch Bechers Hochöfen, Gasbehälter oder Fachwerkhäuser das Verschwinden aufhalten sollten: den prächtigen Lichtspielhäusern Amerikas. Oder auch den vergammelten Drive-in-Theatern, wo hinter der Großleinwand manchmal ein Kinderspielplatz schläft, eine Filmszene allein schon das.

Der Trick: Sugimoto hat seine Kamera den ganzen Film über mitlaufen lassen, und am Ende sind zwar das plüschige Interieur, die Zuschauerreihen, der Kronleuchter, die Galerien oder der Kinderspielplatz zu sehen, aber auf der Leinwand ein einziges strahlendes Weiß. Die laufenden Bilder haben sich gegenseitig ausgelöscht. „Zu viele Informationen führen ins Nichts“, sagt der Fotograf dazu. Aber das Nichts wäre nicht zu sehen, hätte es nicht diese exquisite Umfassung des altmodischen Kinotheaters. Wahrscheinlich ist das Sugimotos Geheimnis: das Nichts der Ewigkeit im Blick. Aber die vergängliche Schönheit des Damals und Heute dabei nicht vergessen. Material genug für eine schlaflose Nacht.

Hiroshi Sugimoto, K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis 6. Januar. Katalog (Hatje Cantz) 49,80 €

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