Kultur : Historisch ist heute

Jörg Königsdorf

Wenn man René Jacobs fragt, warum er nicht mit normalen Opern- und Sinfonieorchestern zusammenarbeitet, erzählt er meist von seiner deprimierenden Erfahrung mit den Hamburger Philharmonikern. Als er dort einmal eine Melodie vorsang, um die richtige Phrasierung zu zeigen, wurde er von den Musikern angeraunzt, er würde nicht fürs Singen, sondern fürs Dirigieren bezahlt. Das ist allerdings schon einige Zeit her, und wenn Jacobs heute vor ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker oder das Deutsche Symphonie-Orchester träte, würde er sich wahrscheinlich wundern, wie sehr sich die Einstellung der Musiker zur historischen Aufführungspraxis geändert hat. Kaum einem fällt es heute mehr ein, sich über mangelndes Handwerk der Heroen historischer Aufführungspraxis zu mokieren – was früher regelmäßig der Fall war. Statt dessen sitzt eine Musikergeneration an den Pulten, die mit den Aufnahmen von Harnoncourt & Co. aufgewachsen ist und oft auch eigene Erfahrungen mit Alter Musik ins Spiel bringt.

Tatsächlich will heute kein Orchester, das etwas auf sich hält, auf (mindestens) einen Originalklang-Coach für das klassische und vorklassische Repertoire verzichten. Simon Rattle, der selbst gern Originalklang-Formationen wie das Londoner „Orchestra of the Age of Enlightenment“ leitet, lädt regelmäßig seinen alten Freund William Christie zu den Philharmonikern ein, und das DSO arbeitet seit einiger Zeit eng mit dem Barockgeiger und Dirigenten Andrew Manze zusammen.

Schon beim letzten Christie-Konzert verblüffte, wie selbstverständlich die Philharmoniker auf Christies Vorstellung eines trocken-spritzigen Mozarttons eingingen. Diesmal stehen vom Freitag bis Sonntag in der Philharmonie neben Mozart Gluck und Händel auf dem Programm.

Im Gegensatz zu Christies eher kleinteilig unterhaltsamem Programm wagt sich Manze am Sonnabend und am darauffolgenden Montag gleich an den Klassik-Olymp und nimmt in der Philharmonie die letzten drei Mozart-Sinfonien in Angriff. Eine Tour de Force vor allem für die Streicher – oder eben ein Crashkurs in historischer Aufführungspraxis.

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