HIT Parade : Cassandra Steen

Diese Woche auf Platz 2 mit: „Stadt“

Ralph Geisenhanslüke

Die ersten Dichtungen auf urbane Agglomerationsräume wurden vermutlich schon kurz nach Entstehung der Städte verfasst. Den Menschen, so scheint es, ging es dort irgendwie nie richtig gut. Jericho oder Babylon gelten seit biblischen Zeiten als Synonyme für den alles fressenden Moloch. Drogen. Prostitution. Tinnitus. In der Moderne wurde es auch nicht besser, davon zeugen Fritz Langs Film „Metropolis“ oder Brechts galliges „Lesebuch für Städtebewohner“, um nur zwei Beispiele zu nennen.

In jüngerer Zeit aber gibt es, zumindest Berlin betreffend, eine gegenläufige Entwicklung. Neben vorzugsweise in westdeutschen Kleinstädten nach den Hausaufgaben gehörten Bös-Rappern, die uns erklären, wie vollkrass es sich hier lebt, gibt es wieder Hymnen auf das städtische Leben. Allen voran natürlich Peter Fox, dessen brachial-zärtliches „Schwarz Zu Blau“ dereinst in den Sockel eines Stadtaffen-Denkmals am Kotti graviert werden sollte. Zuvor hatte Fox mit seiner Band Seeed schon den Song „Dickes B“ geschrieben, eine ebenso zeitlose Liebeserklärung. Seit Jahren wird Fox deshalb zurückgeliebt von allen Menschen, die städtische Lebensweisen schätzen und die wissen: Ohne ein gewisses Quantum an Abgasen und Motzigkeit kommt keine Freude auf. If you can’t stand the heat, get out of the kitchen. Wem die Stadt zu wild ist, der möge auf dem Lande Möhren züchten und uns mit seinem Geweine verschonen.

Nun hat die aus Schwaben stammende Sängerin Cassandra Steen einen Song über die „Stadt“ geschrieben. Über keine bestimmte, aber eine große. Im Duett mit dem Berliner Adel Tawil, dem Sänger von Ich + Ich, klagt sie: „Es ist so viel, so viel zu viel / Überall Reklame. / Zu viel Brot und zu viel Spiel. Das Glück hat keinen Namen.“ Im weiteren Verlauf des Texts werden außerdem kalte Herzen und gefrorene Tränen erwähnt. Das Video dazu zeigt die dunklen Seiten der Stadt: fette Prolls, die Mittelfinger zeigen oder tätowierte Männer, die aussehen wie der Serienmörder Freddy Krueger. Schlimmschlimm. Aber dann wird es hell und Frau Steen verspricht, eine Stadt zu errichten, in der „es keine Angst gibt, nur Vertrauen“, einen Ort, „wo das Licht nicht erlischt“ „und jeder Traum sich lohnt“. Am Ende fehlt nur der Hinweis: „Für den Inhalt der Wahlwerbespots sind ausschließlich die Parteien verantwortlich.“ Der Horizont dieses Songs reicht maximal bis zur nächsten Kreisstadt. Ralph Geisenhanslüke

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