HIT Parade : Till Brönner

Diese Woche auf Platz 35 mit: „The Christmas Album“

Ralph Geisenhanslüke

Zu Anfang gibt es großes Kino. Geigen schmelzen, Glocken klingen, Pauken und Trompeten schichten Gebirge auf. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin lässt eine glitzernde Cinemascope-Weihnachtslandschaft erstehen. Wenn schon, dann richtig, mag sich Till Brönner gedacht haben. Also ran an die Rentiere, aber mit Schmackes.

Für ein Weihnachtsalbum muss man bei den Ursprüngen beginnen. Und die liegen, wie so vieles in der Popkultur, in Hollywood. Dort trat vor 65 Jahren Bing Crosby vors Mikrofon, um den Soundtrack für einen Film einzusingen, in dem er neben Fred Astaire spielte. Nach 18 Minuten war die Aufnahme für das von Irving Berlin komponierte „White Christmas“ im Kasten. Schon ein Jahr später gab es die erste Cover-Version von Frank Sinatra. Die erste von über 500.

Zu Weihnachten braucht man Konsensplatten. Möglichst generationenübergreifende. Für amerikanische Musiker - egal ob Elvis, Bruce Springsteen, die Eagles oder Mariah Carey - sind Weihnachtslieder deshalb ein ebenso klar umrissenes wie profitables Genre. Besonders elegante Lösungen aber kommen aus dem Jazz. Bei Ella Fitzgerald oder Oscar Peterson swingen die Flocken so locker, dass noch der Braten in der Röhre mitzuckt.

Till Brönner gibt sich in Interviews als Christbaumflüchtling zu erkennen. Aber allen, die es nicht rechtzeitig zum Flughafen schaffen, hinterlässt er einen Sack voller Songs in göttlicher Soundqualität. Wer zu Weihnachten eine neue Hifi-Anlage bekommt, findet hier exzellentes Testmaterial. Trotzdem ist der Kitsch nicht so überzuckert, dass man beim Hören eine Insulinspritze bräuchte. Sogar „Last Christmas“, die eigentlich unmögliche Schnulze von Wham! schüttelt er lässig aus dem Ärmel.

So professionell und cool kann nur sein, wer keine Berührungsängste kennt. Brönner hat, das ist überliefert, schon am Jesuitenkolleg mit seinem Mitschüler Stefan Raab christliches Liedgut verrockt. Auch die elterliche Hausmusik mit „Macht hoch die Tür“ hat sicherlich in ihm den Gedanken an ein süßes musikalisches Gegengift reifen lassen. Seine eigener abgeklärte Haltung zur Unausweichlichkeit der Feiertage formuliert Brönner in dem Song „Christmas is never“: „Weihnachten ist nie so, wie es sein sollte.“ Wie wahr. Und das zu akzeptieren – dabei hilft diese Platte. Ralph Geisenhanslüke

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