• Hitler-sells: Thomas Lackmann belauschte die Conférence der jüngsten Nazi-Wochenschau

Kultur : Hitler-sells: Thomas Lackmann belauschte die Conférence der jüngsten Nazi-Wochenschau

Anmoderation: "Meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, Ladies und Gentlemen! So war unsere Nazi-Woche: Bunt, witzig, leidenschaftlich, für jeden was dabei. In Deutschland, dem wichtigen Land des NS-Copyrights, begann sie mit den Wortfindungsstörungen eines vormals wichtigen Theaterregisseurs, der coram publico wiederholt vom "Judengrillen" sprach; fortgesetzt wurde sie mit dem Start der spannenden ZDF-history-Reihe über "Hitlers Frauen und Marlene". Gleichzeitig startete in den Vereinigten Staaten, dem wichtigen Land unserer Befreier, ein Top-Musical, die beste Komödie übers perfekte Verjuxen von Nazistoffen, mit welcher der jüdische Regisseur Mel Brooks 1968 im Kino seinen Ruhm begründet hat, weshalb er ihn nun on stage mit demselben Plot krönen will - "The Producers", ein neuer Broadway-Rekord! Aufregendes kündigt sich auch an in Österreich, dem sympathischen Land der verkannten Nazi-Opfer, wo der prominente Filmemacher Xaver Schwarzenberger für das Staats-TV die Faschisten-Farce "Edelweiss" mit grotesk überdrehten Heil-Hitler-Rufern inszeniert, während in der größten Wiener Zeitung ein Huldigungs-Vers an Führers Geburtstag Furore macht; diese frechen Ostmärker ... Nur in Polen, dem Land der schlimmsten Nazi-Untaten, war die Wochenstimmung trübe: Dort erscheint jetzt ein gemeiner Holocaust-Cartoon aus USA, der die Juden als Mäuse, die Deutschen als Katzen zeigt, die Polen aber als Schweine. Arme Polen - haben sie das verdient, Ihrer Meinung nach?"

Bildungsprogramm I : "Meine Damen und Herren, die Methode der ethnologischen Komparatistik soll uns helfen, im Rahmen unserer aktuellen Nazi-Woche die national differierenden Prozesse der history-Dramatisierung auszuloten. Zunächst vergleichen wir "die Täter" und "die Guten". Im Deutschland des schlechten Gewissens werden NS-Stoffe zwar mitunter locker vermittelt, doch jede populäre Artikulation des Themas bedarf der pädagogischen Legitimation. In den USA dagegen weiß man sich sowieso auf der guten Seite und hat darum oft schon leichte Muse und Hakenkreuz souverän kombiniert; die hinreißende Film-Vorlage des heute umjubelten Brooks-Musicals freilich ist noch 1968 gnadenlos verrissen worden. Komplizierter erscheint uns der Vergleich von "Opfern" einerseits und Opfern andererseits: Die Österreicher, welche sich gern als Hitlers erste Opfer bedauern (obwohl sie ihm mehrheitlich folgten), kokettieren mit einer Spaß-Melange aus rechtspopulistischem Ressentiment und grellem Gutmenschen-Klischee; was mag wohl dahinterstecken? Polen wiederum erlebt derzeit, wie sich sein Selbstbild als reine Opfer-Nation verdunkelt: Den Einwohnern des Dorfes Jedwabne wird angelastet, 1941, nach dem Einrücken der Wehrmacht, aus eigenem Antrieb 1600 Juden in einer Scheune verbrannt zu haben. Die polnische Edition des Cartoons "Maus", worin der New Yorker Art Spiegelman die KZ-Odyssee seines Vaters schonungslos, als Fabel, überliefert, muss gerade in diesen Tagen provozieren: Da kassieren Comic-Schweine den Besitz deportierter Mäuse, einige überlebende Mäuse werden von ihnen ermordet."

Bildungsprogramm II : "Verehrtes Publikum, zur Analyse dieser Nazi-Woche dient uns heute die These des historisierenden Entertainismus, welcher davon ausgeht, dass mit wachsender Entfernung von den Ereignissen sowie mit dem biologisch bedingten Abtreten der Zeitzeugen, spätestens seit dem Gedenkjahr 1995, eine so genannte Historisierung einsetzt. Die vergröbernde Distanz nimmt zu, doch manche historische Detailrecherche wird leichter, weil nun weniger betroffene Täter dagegen stehen. Aus dem Abstand schrumpft das Tabu, der Nazi-Komplex wird Unterhaltungssujet. Sex sells? Hitler sells! Zugleich wachsen paradoxerweise die Schatten des negativen Mysteriums, vor dem wir in die Knie gehen. Den moralischen Entertainismus bedienen nicht nur, mit Entsetzen Scherz treibend, Satiriker, denen das Lachen im Hals stecken bleibt, sondern auch Politiker und Leitartikler, wenn sie ihre Betroffenheit abgewetzten Worten - "Grauen", "Schergen", "Widerstandskampf" - anvertrauen. In einem Punkt übrigens trifft sich der Shoah-Businessman überraschend mit dem Auschwitz-Pädagogen: Jenem liefert das monströse Verbrechen profitable Stories, dieser erkennt darin eine Menschheits-Lektion; für beide ergibt der Holocaust Sinn."

Der kritische Kommentar: "Warum soll der Holocaust keinen Sinn machen? Zur Erklärung des Hitler-sells-Phänomens, dieser unheimlich grassierenden NS-Popularität, haben wir zwei Hypothesen. Weil er für eine Zivilisation steht, die als industrielles Höchstleistungsprodukt das Nichts der systematischen Vernichtung hervorbringt, besetzt der Holocaust zum einen die transzendente Leerstelle unserer säkularen Gesellschaft - als das absolut Böse. Zum anderen symbolisiert der Kampf gegen dieses Böse die verlorene Epoche der "großen Erzählungen": als noch die Guten mit den Bösen um das große Ganze globaler Ideologien stritten, eine nostalgisch verklärte Zeit der pathetischen Eindeutigkeit. Hitler-sells-Marketing vermittelt die Teilhabe an dieser doppelten Faszination. Und gerät in einen Zwiespalt; das absolut Böse kann keinen Sinn enthalten - eine Erzählung aber will verstanden werden. Nur lässt sich der Holocaust nicht verstehen, weder über Fachjargon noch mit Witzen, die das Erhabene demontieren und bekräftigen. Wer vom Holocaust erzählt, muss einen atemberaubenden Zusammenhang beschreiben: von der Schnäppchenjagd, zum Beispiel in Köln, wo brave Bildungsbürger aus dem Hab und Gut deportierter Juden Mozarts Requiem und Tschaikowskys Gesamtwerk erwarben, wo sich das St. Marien-Hospital und die Ford-Werke "jüdische" Mikroskope zulegten; bis nach Jedwabne, wo die Dörfler ihren Bedarf in den leeren Häusern requirierten, während die Scheune mit ihren Nachbarn darin noch in Flammen stand; bis nach Auschwitz, wo im Sommer 1944 zu viele Juden eintrafen, so dass Gruben ausgehoben werden mussten, in denen Tote und Lebende mit Benzin übergossen wurden, während andere Häftlinge Fett von den brennenden Leibern schöpften und zurückgossen, damit diese besser brannten (so berichtet Art Spiegelman, in seinem Cartoon!) ."

Schlussmoderation: "Vielleicht würden Sie jetzt doch lieber etwas über Marlene hören? Passen Sie auf sich auf! Auf Wiedersehn, à bientôt, bis nächste Woche ..."

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