Kultur : Hochschule der Künste: Warten auf den Lucky-Punch

Knud Kohr

"Was das hier mit Boxen zu tun hat?" Katrin Peters, Studentin im fünften Semester an der Hochschule der Künste, überlegt. "Als wir vor einem Jahr begonnen haben, diese Ausstellung zu planen, war schon klar, dass nicht alle Bewerber ihre Sachen werden zeigen können. Da musste man sich gegen die anderen durchsetzen, und das hatte schon etwas Kämpferisches." Hmm, verstanden. "Und außerdem stellt jeder seine Werke in einer eigenen Box aus", ergänzt Karoline Kroiß, die im neunten Semester angekommen ist und sich langsam auf ihren Abschluss vorbereitet. "Mit dieser Doppeldeutigkeit wird natürlich auch gespielt."

Wer kämpft, muss einstecken können

Auf den ersten Blick ist die Ausstellung "Boxen", die derzeit in der Quergalerie der HdK zu sehen ist und Exponate kommender Meisterschüler des renommierten Professors Dieter Hacker zeigt, ein Etikettenschwindel. Denn wer Bilder schwitzender Kämpfer erwartet, triumphierender Sieger oder zerschlagener Verlierer, der wird enttäuscht. Keiner der Ausstellenden hat sich in die Tradition etwa eines George Grosz gestellt, der 1926 sein weltberühmtes Portrait von Max Schmeling schuf. Einzig auf dem Titelblatt des Katalogs prangt ein bemerkenswert unvorteilhaftes Bild von Muhammad Ali, das den Schwergewichts-Champion am Ende seiner Karriere zeigt, aus der Form geraten, durch Sparringshelm und Mundschutz entstellt.

Insgesamt 28 Künstler bewarben sich um einen Platz in der Ausstellung - die komplette Klasse Dieter Hackers sowie einige ehemalige HdK-Studenten, denen mittlerweile der Sprung auf den Kunstmarkt gelang. 17 von ihnen wurden durch eine dreiköpfige Jury - bestehend aus einem Studenten, einem Ehemaligen und Hacker selbst - ausgewählt. Dem Thema ordnete sich niemand unter; es wurde offenbar auf das zurückgegriffen, was ohnehin in Arbeit war. So erwarten den Besucher Exponate, die die gesamte Bandbreite bildender Kunst, von der Zeichnung bis zur Multimedia-Kunst, abdecken, die aber auch zeigen, warum es den jungen Künstlern so schwer fällt, von ihrem Talent zu leben.

Wie man als Künstler überlebt

Die vom Underground-Comic inspirierten Zeichnungen einer Silke Schmidt etwa sind ohne Zweifel kunstfertig und originell. Doch wer soll sie für drei- bis fünfstellige Beträge kaufen, wenn es die neuen Comics von LGX und Anke Feuchtenberger für 19 Mark 80 gibt? Auch beim "Roten Kleid" von Karoline Kroiß - dem vielleicht bemerkenswertesten Objekt der Ausstellung - stellt sich das gleiche Problem. Das knallrote Iglu-Zelt, dem ein ebenso leuchtendes Mieder aufgenäht wurde, kann bei dem gutwilligen Betrachter zahllose Assoziationen in Richtung Mutterschaft und Sexualität wecken. Man kann aber ebensogut einmal herzlich schmunzeln und weiter gehen.

Hacker versucht bereits seit Jahren, seine Studenten für den kommenden Kampf auf dem Kunstmarkt vorzubereiten - aus diesem Blickwinkel ist der Ausstellungstitel keine Anbiederei an eine Trendsportart mehr. Hacker, Jahrgang 1940, gilt selbst als begabter künstlerischer Selbstvermarkter. 1971 gründete er die "7. Produzentengalerie" in der Grainauer Straße in Berlin-Wilmersdorf. Auch damals fand er immer wieder auffällige Titel für seine eigenfinanzierten Ausstellungen, die "Welchen Sinn hat malen?" oder "Millionen Touristen fotografieren den schiefen Turm von Pisa. Wieviele halten ihren Fotoapparat schief?" hießen. Obwohl er noch 1975 zugeben musste, nicht von seiner Kunst leben zu können, hielt die Galerie 14 Jahre lang durch.

Offensichtlich bemüht er sich nun darum, diese Wettbewerbsfähigkeit an seine Schüler weiter zu geben. Schon im Wintersemester 1997 / 98 veranstaltete er Gesprächsrunden mit ehemaligen Studenten, die ihre Erfahrungen auf dem Markt und bei Auslandsaufenthalten für das Buch "Wie überlebt man als Künstler?" zusammen trugen. Die Ergebnisse waren ernüchternd bis niederschmetternd. Die Absolventen hangelten sich, finanziert mit Putzjobs oder Gartenarbeit, von einer kleinen Ausstellung zur nächsten, und wenn jemand auf Verkaufserlöse von 500 Mark im Monat kam, war das schon eine rühmliche Ausnahme. Erstaunlicherweise war aber dennoch so gut wie niemand mit seinem Dasein unzufrieden. Im Gegenteil: Eine vergleichsweise erfolgreiche junge Künstlerin wie Alke Brinkmann, die notfalls auch die Hunde ihrer Nachbarn porträtiert, um Freiraum für Experimente zu haben, wurde teilweise harsch kritisiert.

Der unverholene Wettbewerbscharakter von "Boxen" hingegen scheint bereits seine ersten Früchte zu tragen. Um ihren ausgestellten Lithografie-Band "Geschichte des Ichs" finanzieren zu können, hat Katrin Peters sich erfolgreich um privates Sponsoring bemüht. Und da mehr Geld als notwendig zusammen kam, ist sie stolz, bald weitere Exemplare verteilen können. Gesamtauflage: acht Stück.

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