Kultur : Hochwasser in Europa: In der Gewalt der Natur

Andreas Oswald

Die Bilder gleichen sich. An der Oder, am Rhein, an der Donau oder am Po. Malerische Altstädte versinken in Seen, Schlauchboote bewegen sich zwischen Häusern, Erdrutsche reißen breite Schneisen durch Dörfer, Dächer ragen aus graubraunen Geröllmassen.

Was sich in den vergangenen Tagen am Südrand der Alpen abgespielt hat, war ohne Beispiel. In dem schweizerischen Ort Robiai nordwestlich von Locarno fielen innerhalb von zwei Wochen 727 Liter Regen pro Quadratmeter. Das ist mehr als in der Stadt Frankfurt (Main) im ganzen Jahr niedergeht. Der Meteorologe Manfred Neumann, der beim Deutschen Wetterdienst extreme Wetterlagen beobachtet, war fassungslos: "Das ist ein Extrem, das wir in dieser Region nicht kennen." Allein am 12. und 13. Oktober fielen 246 Liter. Mit ungeheurer Kraft donnerten die Wassermassen zu Tal und rissen mit, was im Weg lag.

Immer, wenn sich solche Katastrophen ereignen, fragen sich die Menschen sofort: Was ist die Ursache? Wer ist schuld? Und sie assoziieren: erst der Rhein, dann die Oder, jetzt die Alpen - hängt das alles zusammen? War nicht der ganze Sommer verregnet? Spielt das Klima jetzt verrückt? Und sofort werden die seit Jahrzehnten gut eingeführten Begriffe genannt: Globale Erwärmung, Treibhauseffekt, Bodenversiegelung, Flussbegradigung.

Der Mensch ist schuld, lautet das Urteil. Weil er überall die gleichen Fehler gemacht hat, so könnte man meinen, kann er jetzt nur noch hilflos mit ansehen, wie abwechselnd in einem Jahr die Rheinländer, in einem anderen Jahr die Brandenburger und die Polen und dann wieder die Italiener betroffen sind.

Deutliche Worte der Versicherungen

Dass der Mensch zumindest einen großen Teil der Verantwortung für die immer häufigeren Hochwasserkatastrophen trägt, daran gibt es unter Experten keinen Zweifel. Das formulieren nicht nur Naturschützer, deren Organisationen mit dieser These erfolgreich Spenden sammeln.

Die deutlichsten Worte findet die Versicherungswirtschaft. Gerhard Berz, Chefmeteorologe der Münchener Rückversicherung - das ist die größte Rückversicherung der Welt -, sagt, die Versicherungen spürten empfindlich, dass die Schadenssummen wegen Hochwassers steigen. Er nennt zwei Ursachen: die globale Klimaerwärmung, und die Bebauung gefährdeter Gebiete in Auen und den Bergen.

Die Erwärmung führt dazu, dass die Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. "Die Winter sind heute 40 Prozent feuchter als vor 30 Jahren", sagt Berz. Es sei unstrittig, dass diese Entwicklung zu mehr Überschwemmungen führt und dieser Prozess weiter anhalten wird: "Wenn sich der Verdacht weiter erhärtet, dass Treibhausgase in diesem Prozess eine wichtige Rolle spielen - und wir gehen davon aus -, dann muss der Ausstoß der Treibhausgase mit zusätzlichen Anstrengungen limitiert werden", fordert Berz.

Die zweite Ursache der Hochwasserschäden ist die zunehmende Bebauung von hochwassergefährdeten Auen und erdrutschgefährdeten Berghängen. Die Versicherungen sind im Zwiespalt, einerseits Versicherungen abschließen zu wollen, andererseits bei hohem Risiko einen Versicherungsvertrag verweigern zu müssen.

Je mehr Wasserläufe begradigt werden, je mehr Boden durch Bebauung versiegelt wird, desto höher ist die Überschwemmungsgefahr. "Der Rhein wurde seit Mitte des 19. Jahrhunderts um 40 Prozent verkürzt", sagt Christoph Heinrich vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). Das Wasser fließt dadurch schneller, immer schneller kommen so große Wassermassen zusammen. Das zeigen immer wieder die Überschwemmungen und Hochwasserstände bei Koblenz oder in Köln. Wenn der Rhein wegen der Schneeschmelze sowie Regenfällen Hochwasser führt und andere Flüsse wie die Mosel in kürzester Zeit dem Rhein noch zusätzlich große Wassermengen zuführen, dann sind Überflutungen nicht zu vermeiden. Naturschützer fordern seit Jahren ebenso wie die Versicherungswirtschaft, dass Auen als natürliche Auffangbecken entsiedelt und ausgebaut werden.

Das kostet Geld. Wer soll das Kapital aufbringen? Um allein an der Mosel durch Rückhaltemaßnahmen einen effektiven Hochwasserschutz zu schaffen, müssten zehn Milliarden Mark investiert werden. Wer bezahlt eine Entsiedelung von Auen? Wer entschädigt die Hausbesitzer, wer die Gewerbetreibenden?

Angesichts der Fülle von Ursachen und Problemen macht sich unter Experten Nüchternheit breit. Es mehren sich die Stimmen, die darauf hinweisen, dass eine Zunahme von Hochwasserkatastrophen nicht zu verhindern ist. "Die globale Erwärmung ist zwar eine Tatsache, man kann sie aber nicht für einzelne Katastrophen verantwortlich machen", sagt Hans-Friedrich Graf, Klimaforscher am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg: "Ursache einzelner Katastrophen sind einzelne extreme Wetterlagen, die es immer wieder geben wird."

Wetterextreme nicht zu vermeiden

Eine solche lag in den südlichen Alpen zweifellos vor. Gigantische warme Luftmassen vom Mittelmeer und aus Afrika schoben sich nach Norden und wurden an den Alpen gestoppt, wo sie ausregneten. Dieses Phänomen an sich ist im Herbst häufig. Doch außergewöhnlich war das Ausmaß. "Bis zum Senegal reichte die feuchte Luftmasse, die nach Norden drückte", sagt der Offenbacher Meteorologe Neumann, "das sieht man sonst nie."

Max-Planck-Forscher Graf sagt, Naturkatastrophen seien letztlich nicht zu vermeiden. Bei extremen Wetterlagen spiele es nur noch eine untergeordnete Rolle, ob die Böden mehr oder weniger durch Bebauung versiegelt seien. Wenn an einem Tag 100 Liter pro Quadratmeter fallen, kann der Boden auch ohne Bebauung nur einen Bruchteil aufnehmen. Hochwasser werde es daher immer wieder geben. Graf: "Damit müssen wir leben."

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