Kultur : Hochwasser in Europa: Zäh, stur und ein bisschen ignorant

Werner Raith

Die Menschen hier, so hat sie einst Giovannino Guareschi beschrieben, zeichnen sich durch besondere Zähigkeit, Hartleibigkeit, Sturheit und gleichzeitig enorme Hilfsbereitschaft und Solidarität selbst mit dem schlimmsten Feind aus; und deshalb hat er seine unsterblichen Helden Don Camillo und Peppone auch hier angesiedelt, in der "Bassa", der Tiefebene des Po, in Brescello. Als hätte sich in dem halben Jahrhundert nichts geändert, haben die Menschen auf der Straße wie im Stadtrat der 5000-Einwohnergemeinde dieser Tage schon mal heftig darüber gestritten, wer denn diesmal Schuld sei, wenn die Flüsse sich wieder in einen reißenden Strom verwandelen, die Uferbefestigung durchreißen und das auch in Normalzeiten tiefer als das Wasserniveau liegende Örtchen verwüsten würde.

Doch am Mittwoch, wo die Katastrophenschutzleitung den Höchststand vorausgesagt hat, stehen die Menschen einträchtig auf den Böschungen, lugen über die zusätzlich aufgeschichtenen Sandsäcke und zeigen nicht die geringste Alarmstimmung. Und sie sind nicht die einzigen, die so reagieren. Irgendwie scheint es so, als habe Italien nach dem ersten Schock alles einigermaßen im Griff. Seit die am Zusammenfluss von Po und Ticino nahe Pavia prognostizierte Superwelle nichts angerichtet und der Regen aufgehört hat, überwiegt Neugierde, nicht Angst.

Der Wettergott hat diesmal erheblich mitgeholfen, Schlimmeres zu verhindern. Und nicht selten grenzt die Sturheit der Menschen, die Räumungsanordnungen der Präfekturen einfach zu ignorieren, schon an schweren Leichtsinn. Dabei braucht man nur zwei Tage zurückdenken und in den Nordwesten des Landes mit seinen nun schon auf zwei Dutzend angewachsenen Todesopfern zu schauen, um zu erkennen, dass viel vom Desaster vom Nichthörenwollen verursacht ist - von der munteren Weiterzerstörung der Dämmwälder und Sicherheitszonen trotz des Jahrhunderthochwassers von sechs Jahren bis zur Missachtung der vor den Präfekten schon Tage vor dem Desaster ausgegebenen Warnungen.

Jeder weiß, wann das Wasser kommt

Auch wurden die nach der Katastrophe 1994 mit über Hundert Toten von der Regierung und der EU bereitgestellten Gelder für Sicherheitsmaßnahmen, umgerechnet über eineinhalb Milliarden Mark, bis heute nur zu einem Teil genutzt, und wenn, dann ohne dass ein rechter Sinn erkennbar wird. "Seit Jahren mahnen wir an, dass es keinerlei saisonale Vorkehrungen gibt", sagen unisono die Umweltschützer von Legambiente und WWF, "und dabei ist doch seit Jahrzehnten bekannt, wann das Hochwasser kommt."

Tatsächlich haben sich bisher alle Überflutungen im Zeitraum zwischen Ende August und Anfang November ereignet. Und Wasserkundler können sogar Wochen voraus erkennen, wann es gefährlich wird: zum Beispiel nach trockenen Sommern, in denen die Erde hart wie Stein wird und das Wasser wie auf einem Betonbrett dahin donnert.

Und wie es scheint, überwältigt das Nachlassen der vorangegangenen Ängste nun jeden Impuls, die Vorsorge deutlich entschiedener voranzutreiben. Innenminister Enzo Bianco etwa wird mit dem Satz zitiert. "Es hätte doch noch viel schlimmer kommen können" - danach entschwand er, statt vor Ort zu bleiben, zum Empfang der englischen Königin nach Rom. Und auch mancher seiner Mitarbeiter scheint ohne viel Sensibilität: Die Menschen hier in Brescello etwa berichten von einem Beamten, dem gegenüber sie ihre Angst vor einem Dammbruch äußerten. Seine Antwort: "Nun tut doch nicht so - ihr wartet doch nur darauf, um hernach die Hilfsgelder zum Wiederaufbau zu kassieren." Ein besonders dummer Satz - auf die Millionen Lire, die man den Menschen in der Po-Ebene vor sechs Jahren versprochen hatte, warten die meisten noch heute.

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