Kultur : Höfliche Mitbewohner

Einfach oder edel? Die Ausstellung „Der feine Unterschied“ in Frankfurt/Main widmet sich dem Biedermeiermöbel

Michael Zajonz

Thomas Crown ist nicht zu fassen. Geschmacklich schon gar nicht. In Norman Jewisons Filmklassiker trägt der von Steve McQueen gespielte Meisterdieb karierte Anzüge, Pepitahüte und coole Sonnenbrillen. Im Remake von 1999 mimt Pierce Brosnan den Gentleman-Kriminellen im perfekten Dreiteiler. Für die Ausstattung seines New Yorker Domizils haben die Szenenbildner tief in die Interiorkiste gegriffen: Crowns streberhaftes Upperclass-Ambiente gruppiert sich um einen lyraförmigen Schreibsekretär des Wiener Biedermeier.

Ende der neunziger Jahre lag der Boom für feines Biedermeiermobiliar in den USA eigentlich schon ein Jahrzehnt zurück. Noch Mitte der Achtziger hatte es ausgesehen, als ob sich der zwischen 1815 und 1840 in Deutschland, Skandinavien und Österreich-Ungarn verbreitete Möbel- und Einrichtungsstil dauerhaft auf dem internationalen Antiquitätenmarkt etablieren würde. Seither aber hat sich die Begeisterung spürbar abgekühlt. In den Auktionen der großen Häuser dominieren die französischen Luxusmöbel des 18. und frühen 19. Jahrhunderts weiter das Bild, ergänzt durch italienische und russische Prunkstücke und englische Klassiker. Die meist unsignierten, mit wenig oder gar keinem Bronzezierrat angereicherten Biedermeiermöbel fallen dagegen ab. Spitzenstücke wie die raren Wiener Lyrasekretäre werden natürlich weiterhin hoch gehandelt. Die Bremer Galerie Neuse etwa bot auf der „Tefaf“ in Maastricht 2007 ein von Christie’s übernommenes Exemplar für um 500 000 Euro an. In den USA erwirbt man herausragende Biedermeiermöbel seit einigen Jahren verstärkt für museale Sammlungen. Für das Gros der nicht ganz so aufregenden Stücke hingegen bestehen in der Regel nur nationale oder regionale Marktchancen.

Daran werden auch zwei Ausstellungen wenig ändern, deren Kuratoren es sich zum Ziel gesetzt haben, unsere festgefahrene Sicht auf den lange nur mit Biedersinn übersetzten Interieurstil zu korrigieren. „Die Erfindung der Einfachheit“ ist im September 2006 im Milwaukee Art Museum gestartet und, nach Stationen in Wien (Tagesspiegel vom 10. 2. 2007) und Berlin, gerade im Pariser Louvre zu Gast. Die opulente Ausstellung von Möbeln, Gemälden, Hausrat und Kleidungsstücken interpretiert das Biedermeier als einen maßgeblich von mitteleuropäischen Fürstenhäusern initiierten und getragenen Stil. Eine umstrittene These, galt Biedermeier doch lange als exemplarische Verkörperung bürgerlicher Grundwerte wie Solidität und Sparsamkeit. Aus Sicht der Ausstellungsmacher hingegen ist Biedermeiers Einfachheit Ausdruck höchster Raffinesse. Zu den Hauptideengebern der Ausstellung gehört Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin.

„Der feine Unterschied. Biedermeiermöbel Europas“ kann man als Gegenausstellung zu diesem Mammutprojekt verstehen. Heidrun Zinnkann, die Möbelspezialistin des Frankfurter Museums für Angewandte Kunst, musste sich schon aus Budgetgründen beschränken. Dennoch lohnt es, sich nicht nur den detailsatten Katalog zu besorgen, sondern auch nach Frankfurt zu fahren. Die Grundthese der Ausstellung lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Für Zinnkann bleibt Biedermeiermobiliar ein Ausdruck bürgerlicher Lebenskultur – selbst wenn es, wie sie bereits in ihrer eigenen Dissertation einräumen musste, aufgrund weitgehend fehlender Inventarlisten und Eigentumsvermerke heute meist nur in Schlössern und Herrenhäusern nachweisbar ist.

Beide Ausstellungen illustrieren einen lange schwelenden Forschungsstreit zwischen Ottomeyer und Georg Himmelheber. Himmelheber, auch er eine graue Eminenz der Möbelforschung, ficht mit seiner Schülerin Zinnkann unermüdlich für die Bürgertumsthese. Ottomeyer wiederum erhielt zuletzt Unterstützung von Achim Stiegel vom Berliner Kunstgewerbemuseum, der bei seinen kunstwissenschaftlich-restauratorischen Untersuchungen von Berliner Schreibsekretären erstaunliche Frühdatierungen und damit die Wahrscheinlichkeit höfischer Auftraggeber nachweisen konnte. Sei’s drum: Unbeteiligte werden angesichts des Streits, für den auch in den beiden aktuellen Katalogen einiges Gift verspritzt wird, ohnehin zu der Einsicht gelangen, dass beide Seiten nicht ganz falsch liegen.

Das Verdienst der Frankfurter Ausstellung liegt darin, regionalspezifische Eigenheiten biedermeierlichen Mobiliars nicht nur klar zu definieren. Anhand von gesicherten Stücken ermöglicht sie erstmals auch den unmittelbaren Vergleich. Die Themeninseln der kompakten Präsentation sind nicht nach Möbeltypen, sondern nach regionalen Zentren geordnet: Neben das sattsam bekannte Wien tritt erstmals Budapest, neben Süddeutschland mit München als Zentrum gesellt sich Westdeutschland mit Mainz, und Mitteldeutschland mit Sachsen und Thüringen wird endlich von Berlin geschieden. Mobiliar aus Dänemark, das damals bis Flensburg und Altona reichte, kann schließlich mit Stücken aus den norddeutschen Hansestädten verglichen werden.

Aufschlussreich dürfte die Gegenüberstellung nicht nur für Historiker sein. Zinnkanns Auswahl repräsentiert, selbst wenn sie aus Schlössern wie Friedenstein in Gotha, der Heidecksburg in Rudolstadt oder Schloss Weesenstein bei Dresden stammt, eher mittlere Qualität: halt das „bürgerliche“ Biedermeier. Man kennt oder besitzt vielleicht sogar vergleichbare Möbel. Die in Frankfurt zusammengetragenen Informationen werden also auch Händler, Sammler und Liebhaber interessieren. Denn eines steht fest: Das Erwerben und Besitzen dieser unprätentiösen Stücke, die sich als Lebensabschnittsbegleiter ruhebedürftiger Großstädter fabelhaft eignen, macht immer noch Spaß.

Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt/Main, noch bis 3. Februar.

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