Kultur : Hörst du die Lerche?

Tränen sind schön: Bellinis selten gespielte Romeo-und-Julia-Oper „I Capuleti e i Montecchi“ in Leipzig

Jörg Königsdorf

Die ehrlichsten Komplimente für jeden Sänger sind zugleich die leisesten: Es sind die Tränen des Publikums, die verraten, dass das schöne Sterben auf der Bühne nicht nur bewunderndes Staunen ausgelöst hat, sondern auch ins Herz gedrungen ist. Und nirgendwo ist dieses Ergriffensein wichtiger als in den Opern Bellinis und Donizettis, den Meisterwerken samtschwarzer Romantik, deren fragile Heldinnen die wehrlosesten Geschöpfe der ganzen Musikgeschichte sind und die nur in den Höhenregionen ihrer Soprane ein wenig Freiheitsluft atmen dürfen. Denn mit Walküren weint man nicht – mit Lucias und Giuliettas muss man weinen, sonst hat der Abend seinen Zweck verfehlt.

Doch in Leipzig fließen die Tränen zur rechten Zeit: Wenn Romeo am Grab Giuliettas steht und ihm für einen Augenblick fast die Stimme versagt, später dann, wenn die Freude Giuliettas beim Anblick des sterbenden Romeo in Entsetzen umschlägt und sich der ätherische Sopran der Koreanerin Eun Yee You ein einziges Mal mit plötzlicher Vehemenz aufbäumt und die – vergebliche – Bereitschaft hören lässt, für das eigene Glück auch zu kämpfen.

Dank dieses Titelpaars wird die Premiere von Bellinis selten gespielter Romeo-und-Julia-Oper „I Capuleti e i Montecchi“ zum Erlebnis: Als Beweis, dass es für die Spitzenwerke des Belcanto auch ohne die Handvoll spezialisierter Stars geht, die dieses Repertoire an allen großen Bühnen der Welt zur Schau stellen. Gegen den teuren Sängerzirkus hat Leipzigs Intendant Henri Maier auf den behutsamen Aufbau hauseigener Kräfte gesetzt: Bis auf eine Nebenrolle ist die Produktion aus dem eigenen Ensemble besetzt. Der Romeo, die 30-jährige Mezzosopranistin Kathrin Göring, kommt von der Leipziger Hochschule, die kaum ältere You, die hier vor einem Jahr schon als Bellinis „Sonnambula“ triumphierte, sang vor drei Jahren noch im Gewandhauschor.

Der Abstand zu den Belcanto-Stars ist dabei überraschend gering – auch wenn Göring in der Nervosität ihres Debüts der eine oder andere Spitzenton danebengeht. Wichtiger ist, dass dieses junge Liebespaar tatsächlich Teenager-Gefühle vermittelt: Romeos grenzenloses Vertrauen, sich sein Glück erobern zu können, Giuliettas kükenhafte Angst, den Schutz der Familie aufzugeben. Kein Takt, in dem man nicht wüsste, wie diesen beiden ums Herz ist – selbst wenn man nicht auf die deutschen Übertitel schaut, merkt man, wie sorgfältig Dirigent Frank Beermann und seine Sänger an jeder Phrase gefeilt haben. Denn nur so funktioniert die Leipziger Ensemblepflege: Indem nicht nur das „schwere“ deutsche Repertoire, sondern auch die vermeintlich kleineren Stücke detailliert vorbereitet werden und auch das Gewandhaus-Orchester das melodische Floskelwerk nicht leierkastenartig herunterspielt, sondern ihm Präzision und inneren Atem verleiht.

Eigentlich optimale Voraussetzungen, um die „Capuleti“ auch szenisch zu rehabilitieren: Denn eine Inszenierung, die dem ausweglosen, beklemmenden Grundton dieses Werkes gerecht geworden wäre, steht noch aus. John Dew, der immer dann herangezogen wird, wenn es nicht plüschig, aber auch nicht verstörend sein soll, entledigt sich seiner Aufgabe routiniert – mit einigen geschickten Detaillösungen, aber ohne Vision. Bei der nächsten Folge der Belcanto-Serie wird er ohnehin nicht mehr mit dabei sein. Für die kommende Saison plant Leipzig die Rarität „Margherita d’Anjou“ von Giacomo Meyerbeer. Der wurde übrigens in Berlin geboren – der Stadt mit den drei Opernhäusern. Aber die haben momentan wohl andere Sorgen.

Wieder am 15. u. 30.5., 5., 25. u. 27.6.

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