Kultur : Hört die Signale!

Berlin ist nicht nur Orchesterhauptstadt, sondern auch Spitze, wenn es um Klassik für Kinder geht

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Tuten und Blasen. Vor den Kinderkonzerten des RBB dürfen die Instrumente im Foyer ausprobiert werden. Foto: Oliver Ziebe
Tuten und Blasen. Vor den Kinderkonzerten des RBB dürfen die Instrumente im Foyer ausprobiert werden. Foto: Oliver Ziebe

Es gibt viele Möglichkeiten, Kindern die Freude an klassischer Musik auszutreiben. Beim Berlin-Gastspiel des Pittsburgh Symphony Orchestra in der Philharmonie hat sich die Familie mit dem vierjährigen Mädchen auf den Podiumsplätzen genau in der Mitte der vordersten Reihe positioniert. So können alle anderen 2397 Zuschauer im Saal bestens verfolgen, wie die Kleine auf das von den Eltern verordnete Kulturprogramm reagiert. Bei der „Lohengrin“-Ouvertüre sitzt sie noch still, Wolfgang Rihms Violinkonzert „Gesungene Zeit“ aber ist definitiv nichts mehr für sie. Während sich Anne-Sophie Mutter vorn am Bühnenrand in die zeitgenössische Komposition versenkt, hält sich das Kind die Ohren zu. Die ganze Zeit, direkt im Blickfeld des Dirigenten.

Dabei ist gerade Berlin ein Mekka der Musikvermittlung. Hier müssen Eltern ihre Kinder nicht in die abendliche Erwachsenenvorstellungen mitschleppen, wenn sie ihnen Klassik nahebringen wollen. Alle großen Institutionen bemühen sich längst intensiv um den Nachwuchs, machen mannigfaltige Angebote vom Schulbesuch einzelner Musiker über klassenweises Zuhören bei Proben bis hin zu speziellen kindgerechten Aufführungen am Wochenende. In den siebziger Jahren, als die Berliner Symphoniker ihre „Konzerte für die ganze Familie“ starteten, waren sie Pioniere auf dem Gebiet. Für die putzig moderierten Nachmittagsveranstaltungen im Konzertsaal der UdK wurden sie von den Edel-Orchestern auch ein wenig belächelt, die sich damals noch gar nicht vorstellen konnten, dass es beim Konzertpublikum einmal zum demografischen Knick kommen könnte.

Umso bitterer, dass ausgerechnet die Symphoniker 2004 Opfer der Senats-Sparpolitik wurden – just in dem Moment, als die berühmteren Ensembles endlich begriffen hatten, dass das Werben um den Publikumsnachwuchs zu den genuinen Aufgaben jeder Kulturinstitution gehört.

Trotz des Subventionsentzugs haben die Symphoniker nicht aufgegeben, sie hangeln sich seitdem von Projekt zu Projekt. Familienkonzerte zu extrem ermäßigten Preisen aber konnten sie sich nicht mehr leisten. Bis jetzt. Denn nach unzähligen Förderanträgen ist es Jochen Thärichen, dem ehrenamtlichen Intendanten der Symphoniker, gelungen, Geld von der Lottostiftung einzuwerben: Je drei Konzerte können davon in dieser wie in der kommenden Saison finanziert werden. Das erste findet am Sonntag statt – mit einer gewagten Mischung von Otto Waalkes als Erzähler in Sergej Prokofjews „Peter und der Wolf“ sowie Liedern aus Istanbul, gesungen von Münir Nurettin Selcuk, Haci Arif Bey und Sezen Aksu. Es ist eine Kooperation mit dem Türkischen Konservatorium Berlin – und damit ganz à la mode. Denn neben den Kids sind derzeit Menschen mit Migrationshintergrund die liebste Zielgruppe zukunftsorientierter Kulturmacher.

Die Komische Oper bietet neuerdings auch Untertitel auf Türkisch an und bringt am 30. Oktober die Uraufführung der Kinderoper „Mikropolis“ heraus. „Bei uns gelten Kinder nicht als Publikum von morgen, sondern als Publikum von heute“, betont Intendant Andreas Homoki. In der Tat macht sich wohl kein Berliner Haus mehr Mühe mit dem Programm für den Nachwuchs. Neben der jährlichen Neuinszenierung eines Kinderstücks auf der großen Bühne ist die von Anne-Kathrin Ostrop betreute Kinderkonzertreihe die wohl beste der Stadt. Weil die Dramaturgin nicht nur wunderbar leidenschaftlich erzählen kann, sondern ihre jungen Zuhörer so ernst nimmt wie Erwachsene – und ihnen zutraut, dass sie selbst am Sonntagvormittag bereit sind, Informationen jenseits des Kasperltheaterniveaus aufzunehmen. Je mehr Instrumente dabei zu sehen sind, desto leichter lassen sich Kinder übrigens faszinieren. Ebenso wie sie schnelle Stücken langsamen definitiv vorziehen.

In voller Orchesterstärke ist das DSO bei den Kinderkonzerten des RBB im Sendesaal an der Masurenalle zu erleben. Ein schöner Luxus, der möglich wird, weil die Rundfunkmusiker einen Teil der Arbeitszeit, die sie dem Sender zur Verfügung stehen müssen, in Jugendarbeit investieren. Zudem kann der RBB die von Christian Schruff moderierten Konzerte auch noch sonntagmorgens im Kulturradio ausstrahlen.

Wer die hauptstädtische Kinderklassikszene als Akustikflaneur mit seinem Nachwuchs durchstreift, dem ist nicht mehr bange um die Zukunft des Konzertpublikums. Das Bedürfnis nach gemeinsamen Musikerlebnissen ist groß. Selbst bei den Berliner Philharmonikern haben sich Musiker zusammengefunden, die in Eigeninitiative – und als Ergänzung zu den Kreativworkshops der Education-Programme – traditionelle Familienkonzerte anbieten.

Die nächsten Kinderkonzerte: Berliner Symphoniker, 23. 10., 16 Uhr, Philharmonie.

Berliner Philharmoniker, 29. 10., 14. 30 und 16 Uhr, Kammermusiksaal.

Konzerthausorchester (mit Sol Gabetta), 30. 10., 11 und 15 Uhr. Komische Oper, Uraufführung „Mikropolis“ (ab 6 Jahre), 30. 10., 16 Uhr

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