Hofesh Shechter bei Foreign Affairs : Gott in der Midlifekrise

Chaos und Kontrolle: Hofesh Shechter kommt mit seiner Tanzperformance „Barbarians“ zum Festival Foreign Affairs.

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Machtgefälle. Die Tänzer scheinen aus Anweisungen von oben zu warten. Szene aus dem zweiten Teil „The Bad“.
Machtgefälle. Die Tänzer scheinen aus Anweisungen von oben zu warten. Szene aus dem zweiten Teil „The Bad“.Foto: Gabriele Zucca

Nebelverhangen liegt es da, das Haus der Berliner Festspiele. Seltsamer Kontrast zur schwülen Berliner Sommernacht. „Das kommt von der Bühne“, erklärt ein junger Mann vom Einlass. Da braut sich was zusammen. Zu ohrenbetäubendem Lärm flammen Scheinwerferspots auf, tasten die dunstig leere Bühne ab. In der Tanzperformance „Barbarians“, die ihre Uraufführung bei Foreign Affairs erlebte, scheint es, als ob ein durchgeknallter Regiegott an den Reglern sitzt und Schabernack mit den Tänzern treibt. Sie wirken ganz klein und auf sich gestellt, scheinen auf Anweisungen von oben zu warten.

Das Machtgefälle von oben und unten thematisierte Hofesh Shechter schon in seiner gefeierten Produktion „Political Mother“. In „Barbarians“ mischt der Choreograf sich immer wieder ein, nimmt dabei eine merkwürdige Schöpfer-Position ein. Im ersten Teil, „The barbarians in love“, meldet sich zunächst eine verfremdete weibliche Stimme, die Natascha McEllhorne gehört. Alles hört auf ihr Kommando. Der Körperdrill, den Shechter immer wieder vor Augen führt, wird hier von einer Gehirnwäsche begleitet. Mit Einflüsterungen wie „Wir sind eins“.

Bei Shechter wechseln sich Kontrolle und Chaos blitzschnell ab. Wie er klangliche und körperliche Attacken verbindet, hat mittlerweile etwas von einer Masche. Elektronische Sounds legen sich über Barockmusik von Couperin, Verweis auf eine längst zerfallene Ordnung. Shechters Idiom mit Anleihen beim Folk-Dance und höfischen Tanz, das Stampfen, Schütteln, Schlurfen wirkt diesmal weniger bestrickend. Obwohl die geduckten, gestauchten Körper durchaus irritieren.

Die Geständnisse von Hofesh Shechter machen einen ratlos

„Hofesh, what are you doing?“ fragt die unsichtbare Ballettmeisterin. Stammelnd gibt der Choreograf Auskunft über seine Intentionen. Will man das wirklich hören? „Ich suche nach etwas Reinem, Unschuldigem“, bekennt Shechter, der gerade 40 geworden ist. Und wie ertappt fragt er noch, ob etwa auch ein Psychotherapeut im Publikum sitze. Sie machen einen ratlos, diese Geständnisse, die nach Midlifekrise klingen. Am Ende stehen die Tänzer nackt an der Rampe – und blicken ernst ins Publikum. Ganz unverdorben.

Anders als im zweiten Teil „The Bad“. Hier ist jede Unschuld verloren. Shechter lässt die Barbaren los. Die Performer in goldglänzenden Trikots muten wie exaltierte GoGo-Tänzer an, ihre Bewegungen sind stark sexualisiert. GangstaRap verdrängt barocken Wohlklang – wohl ein Kommentar auf die heutige Enttabuisierung. Immerhin lässt Shechter seine Performer keine lustige Orgie feiern. Hier bricht immer wieder einer erschöpft zusammen. Und hinter den zur Schau gestellten ekstatischen Posen wird wieder die Disziplinierung erkennbar.

Der dritte Teil – „Two completely different angels of the same fucking thing“ – ist ein Duett für Bruno Guillore und Hannah Shepherd, er in Lederhosen und Trachtenhut, was mit Gelächter quittiert wird. Mann und Frau bewegen sich wie Tanzroboter zu Jazzklängen, bis dann Drums and Bass dominieren. Die beiden Tänzer zerren aneinander; sie klammert, er schüttelt sie ab. Ein Abgesang auf die Liebe. Doch am Ende reibt man sich die Augen: Shepherd wiegt sich in einem orientalischen Tanz, der ungemein verführerisch ist, während der Mann schon längst am Boden liegt. Dass Shechter zum Schluss noch seinen Vater anruft, ist reichlich nebulös, wie vieles an diesem Abend. Die Tänzer aber muss man bewundern, wie souverän sie zwischen den Extremen pendeln.

Matthias von Hartz wollte in der vierten Ausgabe von „Foreign Affairs“ das Festspielhaus zur Bastion der Entfesselungskünstler machen. Das hatte fast etwas von einer Überbietungslogik, doch die Ausschweifungen auf der Bühne wirkten oft nur routiniert. Zudem trieb die Event-Kultur seltsame Blüten. Die künstlerische Qualität blieb bei dieser Non-Stop-Entgrenzung auf der Strecke.

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