Kultur : Holz, Blech, Elfenbein

Das Blasmusik-Festival im Berliner Radialsystem.

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„Renaissancemusik und Jazz sind fast dasselbe“ – die Hypothese des Eröffnungskonzerts des Festivals „Blasmusik!“ im Berliner Radialsystem klingt gewagt, liegt doch ein halbes Jahrtausend und eine hartnäckige Genregrenze zwischen beiden Kategorien. Schließen soll die Kluft der gemeinsame Nenner der Improvisation, ein Feld auf dem das auf Renaissancemusik spezialisierte Ensemble Capella de la Torre (Leitung und Schalmei: Katharina Bäuml) und die Jazzvirtuosen Michel Godard (Tuba) und Markus Becker (Klavier) mühelos und spielerisch interagieren. Dass es nicht einfach ist, historische wie moderne Instrumente aus den Schubladen ihrer Epochenassoziation zu befreien, zeigt sich anfangs in eklatanten Timbre- und Stilkollisionen von Schalmei und Klavier, die ein oberflächliches Fusionskonzept à la „Renaissancemusik meets Jazz“ befürchten lassen.

Doch das verhindert Michel Godard, Meister der Tuba und ihres Vorläufers Serpent, eines spektakulären, schlangenartig gewundenen Holzinstruments. Der so voluminöse wie filigrane Klang, den der Jazzsolist dem Instrument entlockt, hüllt den gedrungenen Ton der verwandten Schalmei in einen warmen Mantel. Mal greift Godard zum E-Bass, mal zur azurblauen Tuba und setzt klangliche Schlüsselverbindungen, wie ein Maler, der sich seiner Farbpalette bedient.

Selten genug hat man die Möglichkeit, die lieblich zarte, meist begleitend eingesetzte Theorbe (eine Laute mit ewig langem Hals), die Pommer oder die facettenreichen historischen Perkussionsinstrumente in solistisch freier Entfaltung zu erleben. Und wenn man sich dabei ertappt, Beckers Klaviersolo „Spain“ von Chick Corea momentweise aus einer Renaissanceperspektive wahrzunehmen, ist das ein Zeichen, dass die Beweisführung der Hypothese auf ihre Weise ans Ziel gefunden hat. Barbara Eckle

Das Festival „Blasmusik!“ läuft noch bis So, 28.7. Infos unter www.radialsystem.de

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