Homer-Übersetzung : Muse, erzähl mir vom Manne, dem wandlungsreichen

Das Grundbuch der abendländischen Kultur: Kurt Steinmann hat Homers "Odyssee“ neu übersetzt – eine Meisterleistung.

Steffen Richter
Draper Foto: akg-images
Odysseus lauscht dem Gesang der Sirenen. (James Draper, 1864) -Foto: akg-images

Der Begriff endgültiger Text, bemerkt Jorge Luis Borges in einem Essay über Homer-Übersetzungen, „kann sich nur vor der Religion oder vor der Müdigkeit ausweisen.“ Damit wäre die Frage geklärt, ob Kurt Steinmanns Arbeit der letzten dreieinhalb Jahre gerechtfertigt war: Braucht es eine Neuübersetzung der „Odyssee“? Natürlich braucht es sie! Nicht weil es keine tauglichen Übertragungen des Epos gäbe, sondern weil es dieses Grundbuch der abendländischen Kultur verlangt, beständig neu gelesen zu werden. Und was immer man im Einzelnen kritisieren mag: Die Leistung des Schweizers Kurt Steinmann gehört zu den übersetzerischen Großtaten.

Wer sich an die „Odyssee“ wagt, weiß, mit wem er in Konkurrenz tritt. Abgesehen von etlichen zeitgebundenen Übersetzungen wie einer pathetischen Nachdichtung Rudolf Alexander Schröders (1910) gibt es zwei fast kanonische Versionen: Generationen von Lesern hat sich die Fassung des Johann Heinrich Voß aus dem Jahr 1781 eingeprägt. Dass hier ein pietistisch verbrämter Idyllenton herrscht, Ungenauigkeiten und Fehler an der Tagesordnung sind und die Verse oft mit Füllseln aufgeblasen werden, ist weitgehend unbestritten. Eine „historische Tat“ nennt Steinmann das Voß’sche Werk, aber „nach heutigem Textverständnis obsolet“. Eine Art Gegenstück bildet die präzise Übersetzung, die Wolfgang Schadewaldt 1958 vorlegte. Nur dass Schadewaldt glaubte, der dokumentarischen Genauigkeit den Vers des Originals opfern zu müssen, und seine „Odyssee“ in Prosa goss. Ohne Not, wie Steinmann meint, und sich an die Quadratur des Kreises machte: eine exakte Wiedergabe und doch in Versen, möglichst nahe an Homer und doch flüssig lesbar. Das ist erstaunlich gut gelungen.

Was aber macht die „Odyssee“ so faszinierend? Sie ist der Paukenschlag, mit dem die schriftlich fixierte Literatur des Abendlandes im 8. vorchristlichen Jahrhundert einsetzt. Gewiss, die „Ilias“ ist noch ein paar Jahrzehnte älter. Moderner und zugänglicher aber bleibt Homers zweites Epos. Das liegt zunächst an der Gestalt des „listenreichen“ Protagonisten. Der ist ein Trickser vor Zeus, einer, der sie alle hinters Licht führt – den Kyklopen Polyphem, dem er sich als „Niemand“ vorstellt, bevor er ihn blendet. Oder den getreuen Sauhirten Eumaios, dem er die Lügengeschichte auftischt, er sei ein Ex-Troja-Kämpfer aus Kreta. Odysseus ist ein kluger Politiker, der sein Risiko kühl kalkuliert – ob er sich an den Mast binden lässt, um dem Gesang der Sirenen zu lauschen, oder ob er lieber sechs Mann der Skylla opfert, als die gesamte Besatzung an Charybdis zu verlieren. Es ist verblüffend, wie selbstbestimmt und gewitzt dieser Odysseus innerhalb mythischer Zwänge agiert.

Nicht irgendwie - besonders gut!

Zu dieser fast neuzeitlich anmutenden Subjektivität passt das Geschick, mit dem Homer sein erzähltechnisches Feuerwerk abbrennt – wenn es diesen Homer denn gegeben hat und die ihm zugeschriebenen Großepen keine Kompilation verschiedener Verfasser sind. Doch wie immer es um die sogenannte Homerische Frage auch bestellt ist: Der Sänger der „Odyssee“ durfte eben nicht nur irgendwie, er musste besonders gut erzählen. Nur so konnte er seinen Zuhörern die bekannten Geschichten aus dem Umfeld des Troja-Sagenkreises neu schmackhaft machen. Deswegen ist die narrative Dramaturgie des Freiermords so atemberaubend. Deswegen pendelt der Erzähler zwischen gleichzeitigen Ereignissen an verschiedenen Schauplätzen: In Lakedaimon sucht Telemachos seinen Vater Odysseus, während die Götterversammlung im Olymp dessen Heimkehr beschließt und der „göttliche Dulder“ derweil in der Grotte der Nymphe Kalypso seines Schicksals harrt. Alle Register zieht der Sänger, um rhythmische Effekte zu erzielen. Er wechselt zwischen den Perspektiven und Zeiten, lässt den Seher Teiresias die Zukunft voraussagen und Odysseus selbst bei den Phaiaken in einer großen Rückblende von seinen Irrfahrten berichten. Die Abenteuerhandlung dieser Irrfahrten (die vor der Folie der griechischen Kolonisation auch als Entdeckungsfahrten gelesen werden können), Odysseus’ verzögerte Heimkehr nach Ithaka sind es schließlich, die sich mit spektakulären Bildern von Kampf, Schiffbruch und Rache tief ins kollektive Bewusstsein gegraben haben.

Das alles gab es auch in früheren Übersetzungen. Bei Steinmann aber klingt es meist frischer und geradliniger, manchmal ein wenig befremdlich. Einen historischen Sprachstand des Deutschen, mit dem der antike Text sich vergleichen ließe, gibt es nicht. Also hat Steinmann – mit der Leidenschaft, die dem ehemaligen Gymnasiallehrer für Griechisch und Latein eigen ist – das griechische Vokabular zunächst auf seine ambivalenten Bedeutungen abgeklopft, dann die Kontexte zurate gezogen und schließlich die eigene Übersetzung mit Großwörterbüchern wie dem „Wahrig“ oder „Grimm“ abgeglichen. Steinmanns geschärfte Semantik verdankt sich nicht zuletzt einem dreibändigen Oxford-Kommentar, in den die Forschung der vergangenen Jahrzehnte eingegangen ist. Wir wissen heute einfach mehr über die antike Welt, ihre Realien oder Religionsvorstellungen, als Voß oder Schadewaldt ahnten.

Was sofort ins Auge fällt, ist die neue Gestalt der sprichwörtlich gewordenen Voß’schen Epitheta. Aus der „blauäugichten“ Athene ist eine „funkeläugige“ geworden, aus den hübschen, aber falschen „geschnäbelten“ Schiffen wurden „gekrümmte“ oder „beidseits geschweifte“, die „geflügelten“ Worte sind nun „gefiederte“. Als Odysseus in den Hades hinabsteigt, sieht er bei Voß den Sisyphos „von schrecklicher Mühe gefoltert, / Einen schweren Marmor mit großer Gewalt fortheben. / Angestemmt arbeitet’ er stark mit Händen und Füßen, / Ihn von der Au aufwälzend zum Berge.“

Der Wahrheit „näher kommen“

In Steinmanns entschlackter Fassung erblickt Odysseus den Sisyphos „wie er unter heftigen Qualen / beidarmig einen riesigen Steinblock zu schieben versuchte. / Ja, wahrhaftig, mit Händen und Füßen dagegen sich stemmend, / stieß er den Block hügelaufwärts“. Ein wenig sperrig wird Steinmann, wenn er Adjektive nachstellt, um dem Hexameter Tribut zu zollen. Wo man in Prosa schreiben könne: „und nun landeten die schwarzen Schiffe“, verlange das Metrum: „und es landeten nun die Schiffe, die schwarzen“.

Gelegentlich stolpert man, etwa wenn Athene dem Odysseus ein frohgemutes „Kopf hoch!“ zuruft. Doch das, so Steinmann, sei letztlich eine „Sache des übersetzerischen Temperaments“. Tatsächlich fallen diese wenigen Stellen angesichts der 12 110 Verse kaum ins Gewicht. Mehr als wettgemacht werden sie durch die Poetizität der neuen Übersetzung. Wo „alberne Hirten des Viehs“ bei Voß „in den Tag hinträumende Toren“ sind und bei Schadewaldt als „Törichte Bauern! auf das Tägliche nur denkend“ vorgestellt werden, sieht Steinmann sie „über Taggebundenem brütend“. Zudem gibt der parataktische Stil die psychologiefreie Flächigkeit der Homerischen Welt glänzend wieder.

Die prächtige Ausstattung dieser neuen „Odyssee“ mit Steinmanns hilfreichem Kommentar und Register steht kaum hinter der von Gullivers „Swift“ zurück, mit dem der Manesse Verlag im letzten Jahr ins Großformat eingestiegen war. Unverständlich ist allerdings, warum man auf Kolumnentitel verzichtet hat, die dem Leser die Orientierung in den 24 Gesängen erleichtern würden. Steinmanns Leistung freilich tut das keinen Abbruch. Aus der Hochschätzung für seine Vorgänger macht er keinen Hehl. Doch bei aller Bescheidenheit kann er für sich in Anspruch nehmen, das Erreichbare erreicht zu haben. Er selbst beschreibt es mit einer Formel Heraklits: der Wahrheit „näher kommen“. Von einem endgültigen Text war nie die Rede.


Homer: Odyssee. Aus dem Griechischen übersetzt und kommentiert von Kurt Steinmann. Nachwort von Walter Burkert. Mit 16 Illustrationen von Anton Christian. Manesse Verlag, Zürich 2007. 448 S., bis 31. 12. 69, 90 Euro, danach 89, 90 Euro.

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