Hommage : Meister des zielstrebigen Umwegs

Die Filmreihe „Ophüls & Ophüls“ im Berliner Zeughaus-Kino vereint Vater und Sohn

Ralph Eue
Ein Mann des Zirkus. Peter Ustinov in Max Ophüls’ „Lola Montez“. Foto: Cinetext
Ein Mann des Zirkus. Peter Ustinov in Max Ophüls’ „Lola Montez“. Foto: CinetextFoto: CINETEXT

Marcel Ophüls lebt seit inzwischen anderthalb Jahrzehnten in seinem dritten Exil, den Pyrenäen. Dieses Mal aus freien Stücken. Nicht der Aussicht wegen oder um sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen – immerhin bekam er für „Hotel Terminus. The Life and Times of Klaus Barbie“ 1988 den Oscar. Die Gründe dieses 82-jährigen Mannes, den man zu Recht als einen der größten Dokumentaristen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bezeichnet, sind andere: „Hier zu wohnen, hat für mich immer noch mit Dankbarkeit zu tun. Dankbarkeit, davongekommen zu sein.“

Sein Vater, der Filmregisseur Max Ophüls, hatte erfahren, dass er in Paris, wohin die Familie 1933 aus Berlin geflüchtet war, auf einer schwarzen Liste der Gestapo stand. Das war 1941. Die Berge der Pyrenäen haben der Familie damals das Leben gerettet. Dahinter lag Amerika, Sicherheit, das Versprechen einer neuen Heimat. So kam das bange Reden seiner Eltern zumindest beim damals 13-jährigen Marcel Ophüls an. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, wenn Marcel Ophüls sagt: „Die beiden Menschen, die mich am stärksten beeinflusst haben, sind zweifellos mein Vater und Adolf Hitler.“

In einem deutschen Lexikon ist über Max Ophüls zu lesen: „Regisseur von 25 Filmen zwischen 1931 und 1955, darunter Meisterwerke wie ,Liebelei’, ,Brief einer Unbekannten’, ,Der Reigen’ und ,Lola Montez’, gehört unbestritten zu den schillerndsten und tragischsten Persönlichkeiten des deutschen Films.“ In seinem Nachruf auf Max Ophüls schrieb François Truffaut allerdings 1957: „Für einige von uns war Max Ophüls, zusammen mit Jean Renoir, der beste französische Filmemacher.“ Max Ophüls wurde 1902 in Saarbrücken geboren, nahm aber 1938 die französische Staatsbürgerschaft an. Seine Filme sind in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Italien und den USA entstanden. Bis zu seinem Tode sprach und las Max Ophüls aber am liebsten Deutsch, und selbst bei Balzac, den er verehrte wie sonst nur Goethe, zog er die deutsche Übersetzung vor. Tatsächlich war Max Ophüls ein internationaler Filmemacher, der sich vielleicht in der Rolle des von Peter Ustinov gespielten Zirkusdirektors in „Lola Montez“ wiedererkannte, der auf die Frage nach seiner Nationalität antwortete: „Ich bin ein Mann des Zirkus.“

Dieser Welt fühlt sich auch Marcel Ophüls sehr nah, jedenfalls sehr viel näher, als der des konventionellen Dokumentarfilms. Etwas Circensisches zieht sich durch all seine Filme – egal wie lang sie sind und welch schwere und ernste Gegenstände darin verhandelt werden. Das ist ihm häufig als Ketzerei angekreidet worden, was immer wieder bissige Erwiderungen provoziert hat: „Ich versuche in meinen Filmen nicht zu belehren; das hat weniger mit Moral als mit Showmanship zu tun. Ich versuche, den Dokumentarfilm dem großen Kino anzunähern. Der Drang eines Filmemachers ist doch, gleich ob er fiktiv oder dokumentarisch arbeitet, dass er nicht nur überzeugen, sondern charmieren will. Er will doch die anderen verführen, so wie man eine Frau verführt.“

Max und Marcel Ophüls: Beide sind Meister des zielstrebigen Umweges. Und den gingen sie, auf völlig unterschiedliche Weise, beide mit einem untrüglichen Gespür für die Form oder sagen wir einem inneren Radar, der sie leitete. So sehr sie auch die Komplexität des Gewebes ihrer Filme steigerten, so sehr sie auch die Handlungsbögen dehnten, so waren sie doch immer auch eins: mustergültig im Hinblick auf dramatische oder erzählerische Effizienz. So sind Marcel Ophüls’ dokumentarische Menschenpanoramen aus großen und kleinen Akteuren der Geschichte, Tätern und Opfern, Mächtigen und Ohnmächtigen – sei es in „Hotel Terminus – Zeit und Leben des Klaus Barbie“, in „Novemberdays“ über Berlin unmittelbar nach dem Fall der Mauer oder in „Veillées d’armes“ über Kriegsberichterstatter in Sarajevo – nicht minder raffinierte szenische Arrangements als das Sehnsuchtskino von Max Ophüls.

Viele Filme des älteren Ophüls’ spielen „in Wien um 1900“, die meisten des jüngeren „in der verwachsenen Ordnung des 20. Jahrhunderts“. Beide verwandeln aber die jeweilige Raum-Zeit ihrer Filme in eine Bühne, um Menschen, Dinge und Verhältnisse darauf zum Tanzen zu bringen – was immer weit über das unmittelbar Erzählte hinausführt. Beider Filme sind ungemein beweglich.

Das Meer des Films hat viele Ufer. Die beiden Ufer, an denen man während der Filmreihe „Ophüls und Ophüls“ im Zeughaus-Kino anlegen kann, scheinen zwar weit voneinander entfernt zu sein. Aber das Meer dazwischen verbindet sie. In Wien, wo die Reihe bereits lief, war im Programmheft des Filmmuseums zu lesen: „Dies ist nicht nur ein Tribut an zwei Große des Kinos, sondern auch ein Plädoyer dafür, den Film jenseits der gewohnten Einteilungen und Zuordnungen zu denken: die Überfahrt zwischen verschiedenen filmischen Kontinenten, in diesem Fall zwischen Max und Marcel O., bedarf manchmal nur weniger Windstöße.“

Bis 30. 7. im Kino im Berliner Zeughaus, Unter den Linden 2. Zur heutigen Eröffnung um 20 Uhr läuft „Lola Montez“. Unser Autor Ralph Eue hält den Einführungsvortrag, den wir hier in Auszügen drucken.

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