Kultur : Humor in Holzschnitt

GRAFIK

Rolf Brockschmidt

Vincent van Gogh hatte sie geliebt und gesammelt, die Ukiyo-e, die „Bilder der vergänglichen Welt“. Die Farbholzschnitte verhalfen der japanischen Kunst im 19. Jahrhundert zu großem Ansehen in Europa. Dass es neben dieser perfekten bürgerlichen Kunst auch eine raffinierte Gebrauchsgrafik für den alltäglichen Bedarf gibt, „Haiku Ichimai Surimono“ , hat die Kunsthistorikerin Irmtraud Schaarschmidt-Richter in einer sehenswerten Ausstellung im Japanisch-Deutschen Zentrum Berlin (Saargemünder Str. 2, bis 28. Februar, Mo bis Do 10 bis 16.30 Uhr, Fr bis 15 Uhr, Katalog 14 Euro) dargestellt. Surimono heißt Drucksache, die in diesem Fall noch mit Haikus versehen sind. Diese Glückwunschblätter mit vielen Haikus und einer farbigen Illustration wurden von Bürgern, Handwerkern, Bauern und Samurai in Auftrag gegeben. Die Blätter wurden gefaltet und so in einen Briefumschlag gesteckt, dass als erstes das Bild zum Vorschein kommt. So versucht eine alte Frau mit zerzaustem Haar mühsam, einen Faden in eine Nadel einzufädeln, und die andere Alte reicht ihr eine Brille. Die ganze Szene ist mit wenigen Strichen sehr modern, fast wie eine Karikatur, aufs Blatt geworfen. Faszinierend die filigrane Schrift, die mit ihren lockeren Schnörkeln aus dem Holz geschnitten werden musste. Die amüsanten Alltagsszenen und die großen Textblöcke sind ein beredtes Zeugnis von der hochstehenden bürgerlichen Kultur im 19. Jahrhundert. Dabei geht die Kultur der Kettendichtung, die auf den Drucken zu lesen ist, bis ins japanische Mittelalter zurück.

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