Kultur : Humtata mit Seele

Der doppelte Barenboim: Saisoneröffnung an der Staatsoper – mit „Traviata“ und dem israelisch-palästinensischen Jugendorchester

Jörg Königsdorf

Gut, dass die Staatsoper einen ausgebildeten Nervenarzt als Intendanten hat: Schnell eilt Peter Mussbach hinzu und beruhigt den Sektierer, der gerade versucht hat, das Konzert des West-Eastern-Divan Orchestra durch wirre religiöse Reden und bündelweisen Flugblattabwurf zu stören. Eine Störung, die mit einem Male bewusst macht, wie gefährdet Versöhnungsprojekte wie dieses inzwischen vier Jahre bestehende israelischarabische Jugendorchester noch immer sind – selbst hier, an einem Sonntagmittag in Berlins Lindenoper. Doch die beste Antwort haben Daniel Barenboim und die jungen Musiker selbst parat: Nach dieser Verstörung wirken die krachenden und lustvoll ausgespielten Eingangsakkorde von Beethovens „Eroica“ wie ein energisches „Basta – Hier gilt’s der Kunst!“

Und die braucht sich tatsächlich nicht zu verstecken: Bemerkenswert, wie es Barenboim gelingt, aus dieser heterogenen Musikerschar einen Klangkörper zu formen, ein Orchester, das problemlos auch im Jugendorchestervergleich des gerade zu Ende gehenden „young.euro.classic“-Festivals mithalten kann. Bemerkenswert, wie es Barenboim in der „Eroica“ gelingt, seine pathetisch-romantische Beethoven-Sicht auch diesmal vital zu entfalten und vor allem dem seelentief auslotenden Trauermarsch und dem kraftstrotzenden Finale Ausdruckstiefe zu geben.

Eine neue, verblüffende Interpretation darf man hier freilich ebenso wenig erwarten wie bei Schuberts etwas unauffällig geratener „Unvollendeter“. Weder von Barenboim noch vom Orchester – was hier zählt, ist gerade der Normalfall, das gemeinsame Musizieren, das selbstverständliche Miteinander.

Ist das Konzert des West-Eastern-Divan Orchestra Barenboims kulturpolitisches Statement zum Saisonstart, lieferte er am Vorabend mit der Wiederaufnahme von Verdis „Traviata“ sein künstlerisches. Bei der Premiere im April war die Inszenierung von Peter Mussbach heftig kritisiert worden. Die schwarzen Samtlappen an den Seiten der Bühne, die die Sicht von den Rängen teilweise stark eingeschränkt hatten, sind etwas schmaler geworden. Geändert hat sich vor allem die Besetzung: Die Stars der Festtage, Thomas Hampson und Christine Schäfer, sind mittlerweile ersetzt, zum Normalpreis gibt es Sänger wie Roberto Frontali als Vater (eine Verbesserung) und die junge Anna Samuil in der Rolle der Violetta. Die beiden einigen sich schnell darauf, im leeren Bühnenbild eine ganz konventionelle „Traviata“ zu spielen und zu singen – hin und wieder wackelt Samuil, die ihre Violetta mit viel Kraft und wenig Technik absolviert, ein wenig mit den Hüften und erinnert an das einstige Regiekonzept der todgeweihten femme fragile.

Ein ganz normaler Opernabend mithin, gäbe es nicht Barenboim: Anderthalb Akte lang versucht er nahezu mit Gewalt, aus der Musik den genialen Funken zu schlagen, klopft Verdis Kantilenen manchmal im Zeitlupentempo ab, schmiert sie mit einer Extraportion Schmalz. Doch irgendwann gelingt’s, gewinnt das Spiel der Staatskapelle an Präzision und Geschmeidigkeit, werden Verdis scheinbar so simple Humtata-Figuren zum hoch differenzierten Seelen-EKG Violettas, fängt die Musik an zu leben. Und man weiß wieder, weshalb man in die Oper geht.

„La Traviata“ wieder am 2.,4.,7. und 9.9.

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