Kultur : Hype und Hysterie

Penck und Trockel: Zwei Ausstellungen feiern die Stars der Achtziger

Daniel Völzke

Es war die Zeit der Hypes und Hysterie. Junge Maler starteten plötzlich durch, und immer waren es Männer, die Leinwände waren groß und das darauf Dargestellte bedeutungsvoll. Es war eine Zeit, die dem aktuellen Kunstmarkt ein bisschen ähnelt; eine Zeit, in die wir schauen wie in einen blinden Spiegel, fasziniert vom verzerrten Glanz, der sich da zeigt: Keine Dekade hat unser Doppelnull-Jahrzehnt so bestimmt wie die achtziger Jahre.

In der Popmusik und Mode wurden sie als Referenzpunkt unserer Tage entdeckt, und auch in der Kunst wird nun allerorten ein Revival eingeläutet, mal leise und nostalgisch, mal euphorisch mit großem Gebimmel. Nicht dass die Protagonisten der damaligen Szene jemals ganz verschwunden wären. Doch nun interessiert sich der Markt nicht allein für sie als Künstler, sondern auch für die Zeit drumherum. Höhepunkt dieser Begeisterung war bislang die Wiederentdeckung von Martin Kippenberger: Er entwickelte sich erst jetzt vom Künstler-Künstler zum wahren Star.

In zwei Berliner Galerien verdichtet sich die Ahnung vom großen Comeback derzeit zur Gewissheit. Unter dem Titel „Die Achtziger Jahre“ zeigt die Galerie Julius Werner Bilder und Skulpturen von A. R. Penck aus jenem Jahrzehnt. Das teuerste Großformat kostet hier drei Millionen Euro. Und gleich nebenan präsentiert Rosemarie Trockel in ihrer ersten Ausstellung in der Galerie Crone, seit diese nach Berlin gezogen ist, aktuelle Keramiken und Collagen. Pencks Kunst wurde in den Achtzigern weltweit bekannt, Trockel begann ihre Karriere vor fast 30 Jahren, passte aber mit ihren hintergründigen Arbeiten nicht so recht in die Zeit. Trockel versus Penck: der Betrachter darf aus diesem zufälligen Gipfeltreffen eigene Schlüsse ziehen.

Die achtziger Jahre begannen für A. R. Penck alias Ralf Winkler, der heute in Irland lebt, mit der Ausbürgerung aus der DDR. Winkler war ein fertiger Künstler, als er in den Westen kam: Er hatte sich eine eigene Bildsprache erarbeitet und einen theoretischen Rahmen, den er „Standart“ nannte. Angekommen im Westen, ging Penck verschwenderischer mit der Farbe um; die Malerei wurde pastoser. Sieht man seine Großformate heute unter dem Siegel der 80er, so fällt vor allem die Verwandtschaft mit anderen Größen der Dekade auf, etwa in dem Bild „An Evening with Pam Partizan“ von 1989, dessen krude Zeichenwelt an Jean-Michel Basquiat erinnert – inklusive einer basquiattypischen Krone. Auch die Ähnlichkeit mit Keith Haring wird nun augenfällig in Bildern wie „Me and My Friends“. Schon vor seiner Ausbürgerung stellte der Außenseiter Penck bei Michael Werner, dem Vater von Julius Werner, in Köln aus. Plötzlich aber dockte er ganz an die westliche Kunstproduktion und an den Kunstmarkt an – und am Erfolg hat sich bis heute nichts geändert.

Rosemarie Trockel hingegen ist gerade erst, mit 56 Jahren, auf dem Gipfel ihres Markterfolges angekommen. Auf Auktionen sind besonders die Strickarbeiten gefragt: vor allem in den achtziger Jahren entstandene Gemälde und Installationen, die Trockel aus Wolle strickte und die – unter anderem – die Rolle der Künstlerin in der männlich dominierten Kunstwelt thematisierten. In der Galerie Crone bieten die Materialcollagen indes nur ein bisschen Strick und damit Wiedererkennungswert: mal als schrumpeliger Kinderpullunder, der platt gedrückt sein Muster zur Schau stellt, mal auf einer Fotografie, bei der Wolle wie eine Leiche auf dem Boden liegt. „She is dead 2“ heißt diese Collage. Bei Trockel geht es wiederholt um Tod und Wiedergeburt, und auch als Künstlerin erfindet sie sich stets neu. In der Galerie Crone überraschen vor allem die Keramiken, die an, nun ja, Exkremente erinnern. Titel wie „Thank god for toilet paper“ unterstützen diese Deutung. Als schlechte Form lauern die Klumpen boshaft auf dem Treppengeländer. Eine Gemeinheit sind auch die Sofatische, die neben den beiden regulären Beinen zwei plumpe Keramikbeine besitzen. Hier kommen das Mobile und das Unbewegliche zusammen, und daraus entsteht ein wenig Dekadenz, ein wenig Beklemmung. Vor allem aber versinnbildlichen diese Hybridwesen Trockels Kunst, die sich jeder Festlegung entzieht.

Vielleicht unterscheidet das den damalige Kunstboom vom aktuellen Marktgeschehen: dass heute von einem etablierten Künstler nicht nur das Immergleiche abgefragt wird. Eine gute Zeit für Kunst also, unsere Zeit, in der das Ikonografische und Insistierende A. R. Pencks genauso gute Chancen hat wie das Immerneue von Rosmarie Trockel.

Galerie Crone, Mo.–Fr. 10–13 u. 14–18 Uhr, Sa. 11–18 Uhr / Galerie Julius Werner, Di.–Fr. 10–18.30 Uhr, Sa. 11–18 Uhr. Beide: Kochstraße 60, bis 25. April.

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