Kultur : Ich bin die Gefangene meiner Sprache

Worte aus dem Abseits: die Nobelpreis-Vorlesung 2004 in Auszügen / Von Elfriede Jelinek

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Sie selbst bleibt Stockholm fern: Elfriede Jelinek las gestern Nachmittag in der Schwedischen Akademie ihre NobelpreisLecture als Videobotschaft. Auch bei der Preisverleihung am Freitag wird die österreichische Schriftstellerin nicht anwesend sein. Wir dokumentieren ihre Rede mit dem Titel „Im Abseits“ in stark gekürzter Form. Der vollständige Text findet sich zusammen mit der Videoaufzeichung auf der Internet-Adresse www.nobel.se. Das Copyright liegt bei der Nobel-Foundation.

Ist Schreiben die Gabe der Schmiegsamkeit, der Anschmiegsamkeit an die Wirklichkeit? Man möchte sich ja gern anschmiegen, aber was geschieht da mit mir? Was geschieht mit denen, die die Wirklichkeit gar nicht wirklich kennen? Die ist ja sowas von zerzaust. Kein Kamm, der sie glätten könnte. Die Dichter fahren hindurch und versammeln ihre Haare verzweifelt zu einer Frisur, von der sie dann in den Nächten prompt heimgesucht werden. Etwas stimmt nicht mehr mit dem Aussehen. Aus seinem Heim der Träume kann das schön aufgetürmte Haar wieder verjagt werden, das sich aber ohnedies nicht mehr zähmen lässt. Oder wieder zusammengefallen ist und nun als Schleier vor einem Gesicht hängt, kaum dass es endlich gebändigt werden konnte. Oder unwillkürlich zu Berge steht vor Entsetzen vor dem, was dauernd geschieht. Es lässt sich einfach nicht ordnen. Es will nicht. So oft man auch mit dem Kamm mit den paar ausgebrochenen Zinken hindurchfährt – es will einfach nicht. Etwas stimmt jetzt noch weniger.

Das Geschriebene, das vom Geschehen handelt, läuft einem unter der Hand davon wie die Zeit, und nicht nur die Zeit, während der es geschrieben wurde, während der nicht gelebt wurde. Niemand hat etwas versäumt, wenn nicht gelebt worden ist. Nicht der Lebende und nicht die getötete Zeit, und der Tote schon gar nicht. Die Zeit ist, als man noch geschrieben hat, in die Werke andrer Dichter eingedrungen. Da sie die Zeit ist, kann sie alles auf einmal: in die eigene Arbeit eindringen und gleichzeitig in die andrer, in die zerrauften Frisuren andrer fahren wie ein frischer, wenn auch böser Wind, der sich, von der Wirklichkeit her, plötzlich und unerwartet erhoben hat. Wenn einmal etwas aufgestanden ist, dann legt es sich vielleicht nicht so schnell wieder hin. Der Wutwind weht und reißt alles mit. Und es reißt alles davon, egal wohin, aber nie mehr in diese Wirklichkeit, die ja abgebildet werden soll, zurück. Überallhin, nur dorthin nicht.

Die Wirklichkeit ist das, was unter die Haare, unter die Röcke fährt und sie eben: davonreißt, in etwas anderes hinein. Wie soll der Dichter die Wirklichkeit kennen, wenn sie es ist, die in ihn fährt und ihn davonreißt, immer ins Abseits. Von dort sieht er einerseits besser, andrerseits kann er selbst auf dem Weg der Wirklichkeit nicht bleiben. Er hat dort keinen Platz. Sein Platz ist immer außerhalb. Nur was er aus dem Außen hineinsagt, kann aufgenommen werden, und zwar weil er Zweideutigkeiten sagt.

(…) Wenn man im Abseits ist, muss man immer bereit sein, noch ein Stück und noch ein Stück zur Seite zu springen, ins Nichts, das gleich neben dem Abseits liegt. Und das Abseits hat seine Abseitsfalle auch gleich mitgebracht, die ist jederzeit bereit, sie klafft auf, um einen noch weiter fortzulocken. Das Fortlocken ist ein Hereinlocken. Bitte, ich möchte jetzt den Weg nicht aus den Augen verlieren, auf dem ich nicht bin. Ich möchte ihn doch ordentlich und vor allem richtig und genau beschreiben. Wenn ich ihn schon anschaue, soll es auch etwas bringen. Aber dieser Weg erspart mir nichts. Er lässt mir nichts. Was bleibt mir also übrig? Auch das Unterwegs ist mir versperrt, ich kann mich ja kaum fortbewegen. Ich bin fort, indem ich nicht fortgehe. Und auch dort möchte ich zur Sicherheit Schutz haben vor meiner eigenen Unsicherheit, aber auch vor der Unsicherheit des Bodens, auf dem ich stehe. Es läuft zur Sicherheit, nicht nur um mich zu behüten, meine Sprache neben mir her und kontrolliert, ob ich es auch richtig mache, ob ich es auch richtig falsch mache, die Wirklichkeit zu beschreiben, denn sie muss immer falsch beschrieben werden, sie kann nicht anders, aber so falsch, dass jeder, der sie liest oder hört, ihre Falschheit sofort bemerkt. Die lügt ja! Und dieser Hund Sprache, der mich beschützen soll, dafür habe ich ihn ja, der schnappt jetzt nach mir. Mein Schutz will mich beißen. Mein einziger Schutz vor dem Beschriebenwerden, die Sprache, die, umgekehrt, zum Beschreiben von etwas anderem, das nicht ich bin, da ist – dafür beschreibe ich ja soviel Papier –, mein einziger Schutz kehrt sich also gegen mich.

(…) Die Sprache gerät ja irrtümlich manchmal auf den Weg, aber aus dem Weg geht sie nicht. Es ist kein willkürlicher Vorgang, das mit Sprache Sprechen, es ist einer, der unwillkürlich willkürlich ist, ob man will oder nicht. Die Sprache weiß, was sie will. Gut für sie, ich weiß es nämlich nicht, und ich weiß die Namen nicht. Das Gerede, das Reden überhaupt redet jetzt dort drüben weiter, denn es ist immer ein Weiterreden, ohne Anfang und Ende, aber es ist kein Sprechen.

Es redet also dort drüben, wo sich immer die anderen aufhalten, weil sie sich nicht aufhalten wollen, sie sind sehr beschäftigt. Dort drüben nur sie. Ich nicht. Nur die Sprache, die sich manchmal von mir entfernt, zu den Leuten, nicht den anderen Leuten, sondern den wirklichen, echten, auf den gut beschilderten Weg hinüber entfernt, sie wie eine Kamera bei jeder Bewegung verfolgt, damit wenigstens sie, die Sprache, erfährt, wie und was das Leben ist, weil es genau das dann nicht ist, und das alles muss danach auch noch in dem, was es eben gerade nicht ist, beschrieben werden.

Reden wir darüber, dass wir wieder einmal zur Vorsorgeuntersuchung gehen sollten. Doch auf einmal sprechen wir plötzlich, in aller Strenge, wie einer, der die Wahl hat, auch nicht zu sprechen. Was immer geschieht, nur die Sprache geht von mir weg, ich selbst, ich bleibe weg. Die Sprache geht. Ich bleibe, aber weg. Nicht auf dem Weg. Und mir bleibt die Sprache weg. Nein, sie ist noch da. Ist sie etwa die ganze Zeit dagewesen, hat sie überlegt, wem sie überlegen sein könnte? Sie hat mich jetzt bemerkt und sofort angeherrscht, diese Sprache. Diese Herrenanmaßung wagt sie gegen mich, sie erhebt die Hand gegen mich, sie mag mich nicht. Sie würde gern die netten Leute auf dem Weg mögen, neben denen sie herrennt wie der Hund, der sie ist, der Gehorsam vortäuscht. In Wirklichkeit ist sie nicht nur mir, sie ist auch allen anderen ungehorsam. Sie ist für sich.

(…) Meine Sprache wälzt sich bereits wohlig in ihrer Suhle, dem kleinen provisorischen Grab auf dem Weg, und sie schaut hinauf zum Grab in den Lüften, sie wälzt sich auf den Rücken, ein zutrauliches Tier, das den Menschen gefallen möchte wie jede anständige Sprache, sie wälzt sich, macht die Beine breit, wahrscheinlich um sich streicheln zu lassen, warum denn sonst. Sie ist ja süchtig nach Liebkosungen. Das hält sie davon ab, den Toten nachzuschauen, auf die ich dafür schauen muss, das bleibt dann natürlich an mir hängen. Daher hatte ich ja keine Zeit, meine Sprache im Zaum zu halten, die sich jetzt schamlos unter den Händen der Streichler wälzt. Es gibt einfach zuviele Tote, auf die ich schauen muss, das ist ein österreichischer Fachausdruck für: um die ich mich kümmern, die ich gut behandeln muss, aber dafür sind wir ja berühmt, dass wir alle immer gut behandeln. Die Welt schaut schon auf uns, nur keine Sorge. Das müssen wir nicht selber besorgen. Doch je deutlicher diese Aufforderung zum auf sie, die Toten, Schauen in mir ertönt, umso weniger kann ich auf meine Worte achten.

(…) Wer nicht hören will, muss sprechen, ohne gehört zu werden. Fast alle werden nicht gehört, obwohl sie sprechen. Ich werde gehört, obwohl mir meine Sprache nicht gehört, obwohl ich sie kaum noch sehen kann. Man sagt ihr vieles nach. So muss sie selber nicht mehr viel sagen, auch gut. Man hört ihr nach, wie sie langsam nachspricht, während irgendwo ein roter Knopf gedrückt wird, der eine schreckliche Explosion auslöst.

Es bleibt nur noch übrig zu sagen: Vater unser, der du bist. Sie kann nicht mich damit meinen, obwohl ich schließlich meiner Sprache Vater, also: Mutter bin. Ich bin der Vater meiner Muttersprache. Die Muttersprache war von Anfang an schon da, sie war in mir, aber kein Vater war da, der dazugehörig gewesen wäre. Meine Sprache war oft ungehörig, das wurde mir deutlich zu verstehen gegeben, aber ich wollte es nicht verstehen. Meine Schuld. Der Vater hat mitsamt der Muttersprache diese Kleinfamilie verlassen. Recht hatte er. Ich wäre an seiner Stelle auch nicht geblieben. Meine Muttersprache ist jetzt dem Vater nachgegangen, sie ist fort. Sie ist, wie gesagt, dort drüben. Sie hört den Leuten auf dem Weg zu. Auf dem Weg des Vaters, der zu früh gegangen ist. Jetzt weiß sie etwas, was du nicht weißt, was er nicht gewusst hat. Aber je mehr sie weiß, umso nichtssagender wird sie. Sie sagt natürlich dauernd etwas, aber sie ist nichtssagend. Und schon nimmt die Abgeschiedenheit ihren Abschied. Sie wird nicht gebraucht.

(…) Ich bin die Gefangene meiner Sprache, die mein Gefängniswärter ist. Komisch – sie passt ja gar nicht auf mich auf! Weil sie meiner so sicher ist? Weil sie so sicher ist, dass ich nicht wegrenne, glaubt sie deshalb, sie kann selber von mir fort? Da kommt einer, der schon gestorben ist, und der spricht zu mir, obwohl das für ihn nicht vorgesehen ist. Er darf das, viele Tote sprechen jetzt mit ihren erstickten Stimmen, jetzt trauen sie sich das, weil meine eigene Sprache nicht auf mich aufpasst. Weil sie weiß, dass das nicht nötig ist. Wenn sie mir auch wegrennen mag, ich komme ihr nicht abhanden. Ich bin ihr zu Handen, aber dafür ist sie mir abhanden gekommen. Ich aber bleibe. Was aber bleibt, stiften nicht die Dichter. Was bleibt, ist fort. Der Höhenflug wurde gestrichen. Es ist nichts und niemand eingetroffen. Und wenn doch, wider jede Vernunft, etwas, das gar nicht angekommen ist, doch ein wenig bleiben möchte, dann ist dafür das, was bleibt, das Flüchtigste, die Sprache, verschwunden. Sie hat auf ein neues Stellenangebot geantwortet. Was bleiben soll, ist immer fort. Es ist jedenfalls nicht da. Was bleibt einem also übrig.

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