Kultur : „Ich gebe zu, ich bin ein Diktator“

„Comandante“: Oliver Stones exotische Hommage an Fidel Castro im Panorama der Berlinale

Harald Martenstein

Wer ist Fidel Castro? Oliver Stone, der Chronist amerikanischer Obsessionen, hat 30 Stunden lang mit Castro gesprochen und daraus einen 90minütigen Dokumentarfilm gemacht, „Comandante“. Zu Beginn heißt es in einer alten Wochenschau, der neue kubanische Machthaber, erst 32 Jahre alt, sei offenbar „ein Idealist". Stone kommt 43 Jahre später zu dem gleichen Schluss. Vielleicht hat er Recht. Castro scheint kein Zyniker zu sein, sondern ein Mann, der an seine eigenen Lügen glaubt und deshalb sympathisch wirkt, egal, was man politisch von ihm hält. Die Grundlagen von Fidels Mythos glaubt man in diesem Film ziemlich schnell zu verstehen, er hängt nicht nur mit dem Sexappeal der Karibik und der Guerilla zusammen, sondern auch mit dem überdurchschnittlichen Charme, der Intelligenz und Bescheidenheit des Comandante. Der alte Herr hat etwas Kauziges, Waldschrathaftes, er besitzt Humor, redet gern mit vollem Mund und geht inzwischen schon ein bisschen hüftsteif. Aber er gibt zu verstehen, dass er sehr gerne noch weitere 20 Jahre regieren würde.

Sympathisch an Castro ist auch seine Offenheit: „Ich gebe zu, ich bin ein Diktator.“ Genau gesagt ist er eine historische Sonderform des lateinamerikanischen Typus „Caudillo“, populärer Führer, einen Nachfolger haben solche Männer nie. Stone hat einen romantischen Blick auf ihn. Castro sieht bei ihm aus wie eine Romanfigur von Garcia Marquez, vor allem, wenn er sich am Bart kratzt und sagt: „Bei uns in Cuba haben sogar die Huren alle Abitur.“

Der Film zitiert in Bild und Ton immer wieder Evita Peron, sozusagen Fidels weibliches Alter Ego. Schöne Momente: Wenn Castro vorführt, wie er in seinem Arbeitszimmer spazieren geht, immer rund um den Konferenztisch. Wenn er über seinen Filmgeschmack spricht (,,Titanic“, ,,Gladiator“, Gerard Depardieu, Sophia Loren) und über die Regel Nummer eins in seinem Privatleben (plaudere niemals über deine verflossenen Liebesgeschichten!). In seinem Arbeitszimmer hängt ein Foto von Hemingway. Am Handgelenk trägt er eine billige Digitaluhr. Seine Uniform glitzert wie ein Weihnachtsbaum. Einmal quetschen sich Stone und Castro zusammen auf dem Rücksitz von Castros Mercedes, machen Witze wie Jungs, und Stone fuchtelt mit Castros Pistole herum. Ob er überhaupt noch wisse, wie die Knarre funktioniert? Ich würde mich bei Bedarf schon erinnern, feixt Castro.

Zum Schluss umarmt Castro jedes einzelne Mitglied von Stones Team. Ganz fest. Es ist richtig rührend. O ja, man kann Oliver Stone vorwerfen, dass er einen unpolitischen Film gemacht hat. Er ist fixiert auf das Anekdotische, Exotische, und lässt seinem Helden alles durchgehen. Der Comandante ist mehr als einmal über Leichen gegangen und hat, als er mal so richtig verärgert war, den Russen einen atomaren Angriff auf die USA empfohlen. Stone widerspricht Castro nicht, aber auch er hat seine schmutzigen Tricks. Castro sagt: „Normalerweise bin ich sehr selbstkritisch“ und schwärmt anschließend weitschweifig von den Errungenschaften der Revolution. Stone unterlegt Fidel Castros Eigen-Eloge mit dem Song „Don’t cry for me, Argentina“. Nur einmal sieht es einen Moment lang so aus, er verliere der Comandante die Fassung. Oliver Stone fragt ihn: ,,Haben Sie eigentlich jemals daran gedacht, sich bei einem Psychiater in Behandlung zu begeben?“ Castro schweigt. Dann sagt er: ,,Nein. Nie.“

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