Kultur : Ich ist ein Zwillingsbruder

Auf den zweiten Blick: Das Kino wird immer wirklicher – auch wenn es von sich selbst erzählt

Christiane Peitz

Als die Bergleute unter Tage fahren, wird die Leinwand allmählich dunkel. Zunächst ist das Tageslicht ein großes helles Viereck am oberen Ende des Schachts, dann schrumpft es zum winzigen Punkt. Früher, in der Stummfilmzeit, endeten Filme so. Li Yangs chinesischer Wettbewerbsfilm „Blinder Schacht“ fängt damit an: dass vom Tage nichts übrig bleibt.

„Blinder Schacht“ ist ein harter, sozialkritischer Film über das Elend der chinesischen Kohlearbeiter. Letztes Jahr zeigte das Berlinale-Forum eine ganze Reihe von neuen Produktionen aus China: krudes, kraftvolles Kino, das vor lauter Gegenwart seine eigene Form sprengte oder sich nicht weiter um sie scherte. Auch Regisseur Li Yang trotzt der Zensur und erzählt, wovon bislang keiner zu erzählen wagte. Aber er wählt eine verblüffend präzise Bildersprache dafür. Auf den zweiten Blick ist sein schlichter Realismus eine ziemlich kunstvolle Angelegenheit.

Auch Hollywood reiste zur Berlinale 2003 nicht nur mit Stars und politischen Statements, sondern mit harten, sozialkritischen Filmen. Hinzu kam diesmal aber eine permanente Selbstreflexion des Mediums, wie man sie im Mainstream gewöhnlich nicht sieht. Zum Beispiel „Solaris“, „The Hours“ und „Adaptation“: Gleich drei Mal begegnen da die Protagonisten ihren eigenen Visionen, gleich drei Mal wird der Schöpfer von seinen Kreaturen heimgesucht – und ist vielleicht sogar selbst eine davon. Auf dem Planeten Solaris nehmen bekanntlich die eigenen Träume Gestalt an (und am Ende träumt George Clooney sich selbst), in „The Hours“ ist Virginia Woolf eine Wiedergängerin ihrer Romanheldin Mrs. Dalloway (und umgekehrt), in „Adaptation“ kommt es unentwegt zum Kurzschluss zwischen den Erlebnissen des Autors und seinem Plot. Vor dem Film ist in dem Film ist nach dem Film: als ob man dem Kino beim Denken zusieht.

Ein bisschen ist das immer so auf der Berlinale, wegen des Doppelgänger-Effekts. Man kommt aus dem Kino, und im Treppenhaus des Hotels Hyatt stürmt einem jene Horde italienischer Kinder entgegen, die eben noch auf der Leinwand Heldentaten vollbrachten. Heute ist Meryl Streep eine Reporterin des „New Yorker“ (in „Adaptation“), morgen läuft sie als Mrs. Dalloway durch Manhattan. Ob August Diehl, Sarah Polley, Philip Seymour Hoffman oder George Clooney: Alle tauchten zwei Mal auf in diesem Jahr. John C. Reilly, der verknautschte ewige Nebendarsteller sogar drei Mal.

Einfach geradeaus laufen die Bilder heutzutage ohnehin nicht mehr. Sabus meisterlicher japanischer Forums-Film „The Blessing Bell“ macht eine Rolle rückwärts und lässt den Helden sein Stationendrama vom Sterben und Weiterleben am Ende in Gegenrichtung zurückspazieren. Hans-Christian Schmid versucht es in „Lichter“ mit dem „Short Cuts“-Montageprinzip. Oskar Roehler beginnt bei „Der alte Affe Angst“ mittendrin, und Pascal Bonitzer leiht sich für „Petites coupures“ kurzerhand Chabrols gnadenlosen Blick auf die Bourgeoisie und wirft ihn auf Frankreichs Altkommunisten. Man erzählt episodisch, elliptisch, labyrinthisch, schreibt sich ganz bewusst ein in die Geschichte des Kinos oder wenigstens eines Genres – und gibt sich gerne psychoanalytisch. So liefert Martin Scorsese mit „Gangs of New York“ für das von ihm erfundene Genre des „Gewalt ist ein Meister aus Amerika“-Films gleichsam die historischen Ur-Szenen nach. Und so entlarvt – ein paar Nummern leichtgewichtiger – Wolfgang Becker in „Good Bye, Lenin!“ die deutschdeutsche Geschichte vom Mauerfall als die Lüge, die jeder glaubt. Irgendwann verwandelt sich die gesamte Berlinale in ein Spiegelkabinett – und der doppelte Nicolas Cage in „Adaptation“ wird zum Maskottchen. Ich ist ein Zwillingsbruder.

Wie schnell das geht. Vor ein paar Jahren war das Kino seiner eigenen Illusionen überdrüssig geworden. Bloß keine Legenden mehr, kein Märchen, keine Traumfabrikware: Eskapismus war out, Dogma sei Dank. Mit den kleinen DV-Kameras wurde das Filmemachen nicht nur erschwinglich, sondern auch kinderleicht. Jeder sein eigener Regisseur: Darin liegt, sagt Berlinale-Präsident Atom Egoyan, eine ungeheure Befreiung, aber auch die Gefahr der Beliebigkeit. Die Technik leistet keinen Widerstand mehr, das entwertet die Bilder. Erste Folge dieser nie dagewesenen Verfügbarkeit des Mediums war das Misstrauen in die Bilder, das spätestens nach den Bildern vom 11. September mit einer Repolitisierung einher ging. Die Helden des neuen sozialkritischen Kinos liefen ständig mit Videokameras oder Fotoapparaten in den Filmen herum: Egoyans Armenien-Epos „Ararat“ treibt dieses Spiel mit der Kamera vor der Kamera auf die Spitze. Erzähl’ mir was – aber erzähl mir den Akt des Erzählens bitte gleich mit.

Diese Phase der Dekonstruktion scheint passé. Die Kameras vor der Kamera sind wieder verschwunden, dem Misstrauen folgt dessen spielerische Aufhebung zu einem neuen Selbst- und Formbewusstsein – vom chinesischen Undergroundkino bis zur Hollywood-Produktion. Dabei hat die aktuelle ästhetische Ernsthaftigkeit manchmal etwas angestrengt Konstruiertes – Spike Jonzes „Adaptation“ ist ein ziemlicher Schmarren –, manchmal aber auch etwas nachhaltig Verstörendes wie Nicole Kidmans Virginia Woolf in „The Hours“.

Vielleicht war der Gegensatz zwischen Genrefilm, Kunstanspruch und engagiertem Kino ja schon immer obsolet. Aber selten erübrigte sich die Unterscheidung zwischen ästhetischer Nabelschau und politischer Einmischung so sehr wie in diesem Berlinale-Jahrgang. Die Grenze zwischen der Kunst und der Wirklichkeit als dem Stoff, von dem sie sich nährt, ist dünn; zum Doppelgänger- gesellt sich das Grenzgänger-Motiv. Nicht nur politisch, auch ästhetisch ist es bezeichnend, dass mit „In This World“, „Lichter“ und „Ersatzteile“ gleich drei Wettbewerbs-Filme von der Schwierigkeit handeln, Grenzen zu überqueren. Und Spike Lee durchsetzt seine New York-Hommage „25th Hour“ mit den Wirklichkeitsflecken von Ground Zero.

Den Goldenen Bären gewinnt Michael Winterbottom nicht zuletzt, weil „In This World“ das stilistisch avancierteste der drei Flüchtlingsdramen ist. Ein Spielfilm im Gewand der TV-Reportage: Die Fiktion streift sich das Outfit der Wirklichkeit über. Ist das nun Anteilnahme am Flüchtlingsschickal oder spekulative Pseudo-Dokumentation? Winterbottom ist clever genug, auch noch diese Frage nach der Haltung des Regisseurs in seinen Bildern aufzuheben.

Wenn sich die LKW-Türen hinter den illegalen Einwanderern für wer weiß wieviele Tage schließen, wird es wieder einmal dunkel auf der Leinwand. In „Blinder Schacht“ ist’s Empathie, bei Winterbottom auch eine Spur Eitelkeit. Zuviel Formbewusstsein schwächt die Macht der Bilder.

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