Kultur : Ich, Romeo und Kampfmaschine

Gregor Dotzauer

Das hier, sagt der junge Mann mit dem schwarzen Strubbelhaar, ist meine Liebesgeschichte. Dabei sind die ersten Minuten von "Go" schon fast ihr Dementi. Denn was man in ihnen über Sugihara (Yosuke Kubozuka) erfährt, prädestiniert ihn nicht gerade zu einem Romeo, der das Shakespeare-Zitat im Vorspann wahr machen würde. Er ist ein Basketball-Crack, eine coole Kampfmaschine und ein Draufgänger, der mit Freunden den "Super Chicken Run" probt, bei der sich der Kandidat einer ankommenden U-Bahn in den Weg stellt und auf den letzten Metern davonzulaufen versucht.

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Selbst dazu hat er aber nicht viel zu sagen - auch weil er es gleich darauf nicht mehr kann. Auf dem Polizeirevier verprügelt ihn sein Vater, ein ehemaliger Profiboxer, so, dass er kaum noch laufen kann. Man möchte einem wie Sugihara ohnehin nicht glauben, dass er ein Erzählbedürfnis hat. Aber damit ist man schon mitten im Getriebe der Finten, Verzögerungen und Brechungen dieses Films, über dessen Geschichte mit dem 34-jährigen Isao Yukizada ein Regisseur wacht, der womöglich auch die Ich-Erzähler-Perspektive als Effekt betrachtet. Und dann hält mit Sugiharas Vergangenheit, der zwar in Japan geboren wurde, aber viele Jahre auf eine koreanische Schule ging, ein Migrantenthema Einzug, das die Liebesgeschichte mit Sakurai (Kou Shibasaki), einer jungen Japanerin, dramaturgisch erst aufhält und psychologisch später fast zerbrechen lässt. Wobei man lernt, dass Koreaner in Japan offenbar als Menschen dritter Klasse gelten, mit denen man sich besser nicht einlässt. Eine Warnung, an der Leute wie Sugiharas Lehrer, die schon ein japanisches Wort als Verrat betrachten, sicher auch selbst schuld sind.

"Go", entstanden nach einem Roman von Kazuko Kaneshiro, ist Isao Yukisadas dritter Film und war Japans Vorschlag für den Oscar als bester fremdsprachiger Beitrag. Es ist schnelles, hochrhythmisches Kino, voll von blitzartig stenografierten Situationen mit ruckelnden Einzelbildzooms, Flashbacks und Foreflashs. Sie prägen auch die Gesamtstruktur - etwa wenn der Stuhl, mit dem Sugiharas Lehrer auf seinen Schützling losgeht, mitten im Flug angehalten wird und erst viel später durch die Scheibe des Klassenzimmers auf den Schulgang kracht, wo die Szene ihren Fortgang nimmt. Eine Erzählweise auf der Kippe zwischen einer Virtuosität, die noch erzählerische Plausibilität besitzt, und einer Selbstverliebtheit, die ins Ornamentale abgeglitten ist. Vor allem die Gewalt in diesem Genrebastard trägt deutlich dekorative Züge - Thrills für ein Publikum in Sugiharas Altersklasse, dem die Mentalität seines Protagonisten wohl so vertraut ist, dass Regisseur Yukisada sie ihm gar nicht weiter nahe bringt.

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