Kultur : Ich sehe nicht mehr als mein Held

Der ganz persönliche Wahnsinn: Neues aus Belgien und Deutschland beim Filmfestival von Locarno

Christiane Peitz

Ein Mann, der die Trennung von Frau und Kind nicht verkraftet und die Familie in eine Katastrophe reisst. Ein Mädchen, das sich im Wohnheim ihrer Umwelt verschliesst. Die schreckerstarrte Wahrnehmung eines Häftlings. Die Klangwelt einer gehörlosen Perkussionistin.

Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt: Das Filmfestival von Locarno zeigt neben den traditionell zahlreichen politischen Erkundungen der Weltkarte in seiner 57. Ausgabe besonders viele Seelenwanderungen. „Folie privée“, der Titel von Joachim Lafosses belgischem Psychodram um den Familienvater Jan, der sich verzweifelt an sein verlorenes Glück klammert, könnte dem Festival als Motto dienen: der ganz persönliche Wahnsinn. Und auch die deutschen Produktionen konzentrieren sich auf Nahaufnahmen von Menschen, die erstarren, verstummen, in Lebensstreik treten.

Wie zeigt man, was nicht zu sehen ist? Schmerz, Trauma, Wahnwelten im Kopf? Lafosse macht es klassisch nach Dogma-Manier, mit Handkamera und kunstlos spröden Einstellungen: die dokumentarische Zufallswahrnehmung des Augenzeugen, der die Tragödie fassungslos miterlebt und nicht eingreifen kann.

Volker Schlöndorff, der dem Festival mit seinem außer Konkurrenz gezeigten NS-Film „Der neunte Tag“ den bisherigen Höhepunkt bescherte (Tsp. vom 7. August), wählt die radikal subjektive Perspektive, die Tunnelvision des Dachau- Insassen Abbé Kremer. Der Blickwinkel als Frage der Technik: Wer ausgezehrt ist, sieht nicht mehr klar. Also hat Schlöndorff die KZ-Szenen mit zwölf statt 24 Bildern pro Sekunde aufgenommen und später die Geschwindigkeit verdoppelt. Das Ergebnis ist der ruckhafte stockende Blick eines Mannes, der allenfalls noch die Hacken seines Vordermanns erkennen kann, aber nie die gesamte Topographie des Terrors. Eine Art Komplizenschaft: Der Regisseur verzichtet auf Vogelperspektive und Omnipräsenz, auf jegliches „Ich sehe mehr als mein Held“.

Der kluge Pfarrer (Ulrich Matthes) und der beredte SS-Offizier (August Diehl): ein großartiges Schauspieler-Duell zwischen Gottesmann und mephistophelischem Tatmenschen, ein Krieg der Argumente um Versuchung und Verrat, Überleben und Überzeugung. Leider widersteht „Der neunte Tag“ dem Pathos, das jeder leidenschaftlichen Empathie innewohnt, nicht ganz: Bei der von Primo Levi entlehnten Frage, ob der nicht geteilte Wassertropfen bereits eine grosse Schuld darstellt, werden Schlöndorffs Bilder überdeutlich, effektvoll, geschwätzig. Dabei ist Abbé Kremers stärkstes Argument das Schweigen.

Und noch eine Verweigerin, im einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag „En garde“: Alice (Maria Kwiatkowsky), 16 Jahre alt, lebt im Mädchenwohnheim, in sich gekehrt, mit gesenktem Blick und eingezogenen Schultern. Mit der Schere ritzt sie sich blutige Striemen in die Hand, reißt sich die von der Mutter applizierten künstlichen Fingernägel aus und reagiert auf seelischen Druck mit Hyperakusis. So nennt man es, wenn Menschen zu laut hören und sich die Poesie sanften Blätterraschelns in eine akustische Terrorattacke verwandelt.

Der Kakophonie banaler Geräusche korrespondieren gleißend helle, überscharfe Bilder, Kino als mimetische Kunst. So macht sich die junge Regisseurin Ayse Polat, Hamburgerin kurdischer Herkunft, eine Vorstellung vom Innenleben ihrer Heldin und zeigt sie beim Fechtkurs in weißem Sportkostüm mit schwarz vergitterter Maske wie ein überdimensionales gepanzertes Insekt. Ein aufmerksamer, fast zu verhaltener Film über emotionale Betäubung, innere Emigration und die gefährliche Intensität von Mädchenfreundschaften.

Eine dritte, ebenfalls ungewöhnliche leise deutsche Produktion ist in einer Nebenreihe des mit 350 Filmen erneut überfrachteten Festivals zu sehen: „Touch the Sound“ von Thomas Riedelsheimer porträtiert die fast taube schottische Perkussionisten Evelyn Glennie und ihre hochsensible Klangwelt. Glennie lauscht der Welt ihre Musik ab, „bespielt“ New Yorks Grand Central Station ebenso wie die schottische Felsenküste, verrottete Fabrikhallen oder den Hinterkopf ihres Musikerkollegen Fred Frith. Wer Augen hat zu sehen, der höre: Riedelsheimer hypnotisiert den Zuschauer mit einer gewaltigen Symphonie der Stille.

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