Kultur : Ich sehe nur, was ich glaube

„Kult Bild“: Das Frankfurter Städel Museum zeigt die Geburt der neuzeitlichen Kunst aus dem Geist des Andachtsbildes

Michael Zajonz

Nur eine mittelalterliche Legende: Ein Jude sah die Wunder, die der heilige Nikolaus vollbrachte, ließ sich ein Bild von ihm malen und befahl dem Bild, in seiner Abwesenheit sein Hab und Gut zu schützen. Nach einem Einbruch, bei dem die Diebe lediglich das Heiligenbild zurückgelassen hatten, rächte sich der enttäuschte Mann am Bild, peitschte und geißelte es. Da erschien Nikolaus den beiden Dieben in leiblicher Gestalt, beklagte seine Schmerzen und bat sie, das Diebesgut zurückzugeben. Sie gehorchten, verhielten sich künftig rechtschaffen – und der Jude ward zum Christentum bekehrt.

Eine Geschichte über die Macht von Bildern. Über Gefühle, die Bilder in uns auslösen können. Der Florentiner Maler Bicci di Lorenzo hat sie Anfang des 15. Jahrhunderts gemalt. Die kleine, nicht sonderlich ansehnliche Tafel aus Privatbesitz führt ins Zentrum der Ausstellung „Kult Bild“ im Frankfurter Städel. Sie erklärt die Geburt der neuzeitlichen Kunst aus dem Geist des Bilderglaubens. Genauer gesagt: aus der Entwicklung italienischer Altar- und Andachtsbilder, die sich seit dem 13. Jahrhundert, erst zögerlich und dann immer entschiedener, von den auch im Westen verehrten byzantinischen Ikonen emanzipiert haben.

Die alten Ikonen verstanden sich als Kopien beglaubigter Christus-, Marien- oder Heiligenbilder – und waren damit selbst heilig. An der Schwelle vom hohen zum späten Mittelalter vollzieht sich jedoch so etwas wie eine mediale Revolution. Darstellungen mit erzählendem Charakter, die bis weit ins 20. Jahrhundert hinein das Gros der Bildproduktion ausmachen werden, sind damals erstmals als eigenständige Aufgabe wahrgenommen worden. Solche „sprechenden“ und „beseelten“ Bilder haben die Gläubigen nicht mehr allein durch ihre Präsenz überwältigt, sondern sie ließen sich gewissermaßen auf ein Zwiegespräch mit ihnen ein: einen Dialog über die rechte Art zu glauben.

„Kult Bild“ wirkt wie die Fortsetzung und Vertiefung der ausgezeichneten Ausstellung „Geschichten auf Goldgrund“ der Berliner Gemäldegalerie im vergangenen Winter. Das unterstreicht nur die kunsthistorische Bedeutung des Themas. Ausstellungskurator Jochen Sander konnte sich neben den hauseigenen Beständen des Städel zweier weiterer exzellenter Quellen versichern: der Kollektion des Lindenau-Museums im thüringischen Altenburg sowie der Privatsammlung von Heinz Kisters, dem Erfinder des Transistorradios. Auf kostbar violetten, vom Berliner Architekturbüro Kühn Malvezzi gestalteten Wänden hängen die meist kleinformatigen Heiligentafeln – und entfalten trotz ihrer Profanierung im Museum beinahe eine sakrale Aura.

Die Erfindung des fest auf dem Altar installierten Bildes verdankt sich einer Änderung der Liturgie. Seit der Spätantike hatte der Priester während des Messopfers hinter dem Altar gestanden; seit Mitte des 13. Jahrhunderts stand er davor und kehrte der Gemeinde den Rücken zu. Auf der Altarmensa konnten neben Kruzifix, Kelch, Patene, Weihrauchfass und Leuchtern nun auch Bildwerke aufgestellt werden, ohne die Sicht zu versperren.

Zum Bildtyp der Stunde wird das Polyptychon, ein aus vielen goldgrundigen Einzeltafeln zusammengesetztes Altarbild mit kostbar geschnitzter und vergoldeter Rahmenarchitektur. Wenige Polyptychen haben an Ort und Stelle in Kirchen überdauert. Die meisten Werke wurden spätestens im 19. Jahrhundert auseinandergenommen, ihre Tafeln zerstört oder weltweit über Museen und Sammlungen verstreut. Wie überwältigend ein solches Prachtaltarbild in toto wirkt, demonstriert der Städel mit dem 1330/33 von Meo da Siena gemalten Altaraufsatz für die Benediktinerabtei S. Pietro in Perugia aus eigenem Besitz. Das über drei Meter breite, beidseitig bemalte Bild versammelt um Christus und Maria den halben Himmel – und den Stifter des Werkes, Abt Ugolino, als Assistenzfigur. Nicht zufällig ist das Retabel von einem Sieneser Maler geschaffen. Siena war Kristallisationskern der neuen Bildidee. Die toskanische Stadtrepublik hatte sich 1260 vor der Entscheidungsschlacht gegen die Erzrivalin Florenz einem Bild der Muttergottes verschrieben. Der Sieneser Marienkult kulminierte im Dom, wo der Bildschmuck rund um den Hauptaltar nach 1260 innerhalb weniger Jahrzehnte mehrmals modernisiert wurde. Die Frankfurter Ausstellung präsentiert eine Nebentafel von Duccios berühmter Maestà. Siena im goldgrundigen Zeitalter: Selten zuvor hat eine Stadt derart aufwendige Bildpropaganda betrieben.

Die Sorge ums Seelenheil brachte im Spätmittelalter neben den Stifterbildern im Bild auch die Verkleinerung der Polyptychen in handliche Dimensionen mit sich: Persönlicher Andacht dienende Bildformate wanderten damals von den Altären in die Privatkapellen wohlhabender Laien. Zweiflügelige Klappaltärchen zeigen meist die Madonna mit dem Jesusknaben sowie Christus als Wunden vorweisenden Schmerzensmann. Sie sollten die compassio, das Mitleiden, beflügeln. Intimität durch Intensität: In Frankfurt leuchtet kostbarstes Ultramarin, künden in feinsten Fleischtönen gemalte Gesichter von der hohen Kunstfertigkeit eines Pietro Lorenzetti, Lippo Memmi oder Giovanni di Paolo. Diesen Bildern traut man jedes Wunder zu.

Städel, Frankfurt/Main, Schaumainkai 63, bis 22. Oktober. Katalog im Michael Imhof Verlag, 29,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben