Kultur : Ich! Tod! Schicksal!

„Die vier Himmelsrichtungen“ am Deutschen Theater Berlin

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Illusionen zu verkaufen. Ulrich Matthes als trauriger Clown. Foto: Arno Declair
Illusionen zu verkaufen. Ulrich Matthes als trauriger Clown. Foto: Arno Declair

Irgendwann steht Ulrich Matthes an der Rampe und wundert sich, was man aus purer, blanker Luft so alles machen kann. „Eine Fledermaus, einen Käfer, den Eiffelturm – was Sie wollen“, sagt er mit weit aufgerissenen Augen, als könnte er es selbst nicht so ganz glauben. Der melancholische Clown im Show-Anzug, den Matthes in Roland Schimmelpfennigs Stück „Die vier Himmelsrichtungen“ spielt, hat es tatsächlich geschafft, auf dem flüchtigsten aller Elemente seine Existenz zu gründen. Er modelliert komplette Universen aus Luftballons. Der einzige Haken für den potenziellen Käufer: Er muss daran glauben.

Genau so verhält es sich im Prinzip auch mit Schimmelpfennigs Stück. Nach der Uraufführung im Sommer bei den Salzburger Festspielen ist der luftige Hundertminüter, bei dem der Autor selbst Regie führt, jetzt im koproduzierenden Deutschen Theater Berlin angekommen. Zwei Männer und zwei Frauen treffen – aus verschiedenen Himmelsrichtungen kommend – aufeinander. Die Männer verlieben sich gleichzeitig in die jüngere Frau, eine Kellnerin mit vielfach beschworenen Locken, die an einem Gehirntumor leidet. Für einen der beiden wird das Liebesduell tödlich enden. Und seine Frau, die Wahrsagerin Madame Oiseau, die als einzige Figur im Stück einen (Künstler!)-Namen trägt, hat alles vorausgesehen.

Ähnlich wie ins Paralleluniversum des begnadeten Luftschloss-Architekten Ulrich Matthes kann man nun viel hineingeheimnissen in Schimmelpfennigs Text: Der Dramatiker, der seit dem Tod des Regisseurs Jürgen Gosch seine Stücke am liebsten selbst auf die Bühne bringt, unterfüttert die Liebesgeschichte nicht nur vage mit dem Mythos um Medusa und Perseus. Sondern er hebelt auch mit ständigen Vor- und Rückblenden die zeitliche Chronologie aus, kreist so leitmotivisch wie bewusst unspezifisch um die großen letzten Dinge (Ich! Tod! Schicksal!). Und an den multiplen Spiegelungen respektive erblindeten Badezimmerspiegeln, in denen die Schicksalsfachfrau Madame Oiseau plötzlich ihr eigenes Gesicht nicht mehr sehen kann, hätte nicht nur Jacques Lacan seine Freude gehabt.

Das Angenehme ist aber, dass Autor wie Regie einem auch die Möglichkeit lassen, dieses Gründeln in den angerissenen Motivlagen zu vergessen und stattdessen einfach vier grandiosen Schauspielern zuzusehen – was in diesem Fall tatsächlich heißt: beim Denken. Die Konstruiertheit und potenzielle Bedeutungsfracht verschwindet so hinter dem reinen Spiel, ohne dass der Horizont dadurch verengt würde. Im Gegenteil. Johannes Schütz hat dem Quartett eine Bühne aus Torf gebaut, die die tieftraurige Vergeblichkeit einer Zirkusmanege atmet, wenn die Vorstellung vorbei ist: Man weiß trotzdem, dass morgen hier wieder mit tröstlichem Erfolg Illusionen verkauft werden. Kurz vor der Rampe ragt ein Podest aus dem Torfboden. Dort stehen die Akteure wie auf dem Präsentierteller, wenn sie ihre Figuren behaupten. Schimmelpfennig schreibt, nicht zum ersten Mal, in indirekter Rede, so dass jeder seinen Part gleichzeitig verkörpert und kommentiert.

Kathleen Morgeneyer, Almut Zilcher, Andreas Döhler und Ulrich Matthes wissen aus diesem Autorentrick tatsächlich immensen Mehrwert zu schlagen. Morgeneyer schleudert als Kellnerin aus ihrem zarten Körper einen derart überlebenswilligen, dabei aber gelassen Realitäten akzeptierenden Ton heraus, dass man mit Hochspannung an ihren Lippen hängt. Almut Zilcher schafft als Madame Oiseau das Kunststück, das Geheimnis ihrer betont mystischen Figur wohltuend zu entpathetisieren, ohne es dabei zu verraten, und steigt zudem mit gelegentlichen Bösartigkeitsattacken aus ihrer grundtonal innigen Rolle aus. Andreas Döhler, der als „ein kräftiger Mann“ vom LKW-Fahrer zum Outlaw und Mörder mutiert, erdet drohende Bedeutungslasten mit gewitzter (Selbst-)Ironie. Und Ulrich Matthes nimmt als grundmelancholischer, dabei aber in keiner Sekunde sentimentaler Luftschlossverkäufer mit dem Sternenanzug selbstverständlich den ganzen Abend über keinen einzigen Ballon in die Hand. Das Universum, das er verkauft – „alles, was Sie wollen“ – ist natürlich eine exklusive Maßanfertigung aus der hohen Illusions- und Verführungskunstschule des Schauspielers. Da ist der Abend, auf Augenhöhe mit dem Stück, ganz bei sich selbst.

Wieder am 3. und 16. November, 20 Uhr

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