Kultur : Ich wecke sie alle auf!

Wie man als Leiter ein Festival bei Laune hält

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Dieter Kosslick

Berlinale-Direktor

Moin, Moin. Fangen Sie doch mal an, zu fragen, ich komme dann schon ins Reden. Wie ich die vergangenen zehn Tage überlebt habe? Na, ziemlich gut. Alles hat wie am Schnürchen geklappt. Es ist nichts schief gegangen … oh je, mir kommen die Tränen. Da kommt mein kleiner Sohn, den habe ich seit einer Woche nicht gesehen. Fridolino, mein lieber Sohn. Ach ja, ich küsse hier eine Millionen Menschen ab, aber wenn der Kleine kommt, übermannen mich die Emotionen. Jetzt muss ich mal kurz mit ihm schmusen und er kriegt einen Bären von mir, wie es sich gehört.

Ja, das Ende einer langen Arbeit von vielen Hunderten von Leuten ist erreicht und ich bin sehr glücklich. Es war Star-Alarm auf der Berlinale wie in 56 Jahren nicht und wir haben die Leute mit Glamour und Glitzern in die traurige Realität gelockt, die in den Filmen thematisiert wurde. Die Berlinale ist zwar riesig groß geworden, aber ich versuche, sie immer noch so zu machen, als ob es ein Independent Film-Festival wäre.

Am Aufregendsten war die Eröffnung. Mit ihr fällt und steht alles, da wird der Ton gesetzt. Letztes Jahr habe ich sie versaut und die ganze Woche lag Mehltau über der Berlinale. Aber dieses Jahr ist sie gut gegangen. Puh, es ist gar nicht einfach, in diesen Minuten witzig zu sein. Während des Festivals habe ich am Tag 60 Termine, wo ich irgendwas sage oder eine kurze Rede halte. Ich muss immer eine gute Geschichte parat haben. Stellen Sie sich vor: Ich renne um zehn Uhr irgendwohin, da sitzen 200 verschlafene Menschen und erwarten, dass der Festivaldirektor sie aufweckt. Das ist eigentlich mein Job: sie alle aufzuwecken.

Ich schaffe das nur, weil es für jeden Termin eine Mappe gibt, in der alles steht, um was es geht. Das lese ich fünf Minuten vorher, und wenn ich funktioniere, wie ich funktioniere, dann fällt mir was mehr oder minder Lustiges ein. Aber dreimal ist mir nichts eingefallen und ich habe die vorbereitete Rede abgelesen und das war im Übrigen ein großer Erfolg, da lagen die lachend in den Sitzen.

Mein Hauptjob aber ist es, die fünf roten Teppiche zu betreuen. Das heißt, ich treffe drei Stunden vor einer Premiere die Filmteams. Es geht darum, dass wir innerhalb von zehn Minuten gute Freunde werden, und wenn ich sie dann später auf dem Teppich begrüße, sieht das aus, als ob wir uns schon ewig kennen würden.

Der Sonntag wird noch mal ein toller Tag, da kommt das Publikum. Abends gehe ich dann heim zu meinem Lütten. Und dann falle ich bestimmt in ein Loch. Am Montag gehe ich ins Büro und wir versuchen, ganz normal weiterzumachen. Wir ändern nur die Jahreszahlen. Die ersten Sachen für die 57. Berlinale 2007 sind ja schon angeschoben. Aufgeschrieben von Philipp Lichterbeck

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