Kultur : Ich werde da sein

Ein Film zum Verlieben und sonst gar nichts: Richard Linklaters „Before Sunset“

Christina Tilmann

Man wünscht sie sich so sehr, die zweite Chance. Einfach nach Jahren noch einmal weitermachen dürfen, dort, wo man irgendwann zu früh aufgehört hat, an Fäden anknüpfen und die Knoten, die zwischendrin dazu gekommen sind, sanft zusammen entwirren.

Am meisten wünscht man es sich wohl, wenn es nie richtig was geworden ist. Wenn es, zum Beispiel, nur eine gemeinsame Nacht war, damals in Wien, eine helle Sommernacht, flirrende Luft und ein federleichter Flirt, mehr nicht. Eine Nacht wie ein Versprechen, ein Versprechen, das man, jung wie man war, noch etwas auszureizen dachte, mit einem Glückstest wie: Wenn es dir wirklich ernst ist, komm wieder her, wenn’s Winter wird. Ich werde da sein.

Das war der Plot in Richard Linklaters Überraschungserfolg „Before Sunrise“, damals 1995 auf der Berlinale. Ethan Hawke und Julie Delpy, beide sehr jung, sehr schön und noch sehr unbekannt, streifen eine Nacht lang durch Wien, reden, reden, reden, nicht viel mehr, und verabschieden sich am nächsten Morgen am Bahnhof: bis in sechs Monaten dann.

Nun, neun Jahre später, bekommen sie ihre zweite Chance. Und der Zuschauer mit ihnen. Denn Jesse und Celine, Ethan und Julie sind älter geworden. Und die Fragen, die sie stellen, beim Wiedersehen in Paris, sind auch die unseren: Habe ich mich verändert? Bin ich wirklich älter geworden? Erkennst du mich noch? Und die Antwort hätten auch wir gegeben: Ja, du hast dich verändert, die steile Falte da über der Stirn zum Beispiel kündet von Bitterkeit. Und doch, nein, du hast dich überhaupt nicht verändert.

Wenn überhaupt, dann bist du, wie Celine, schöner geworden, reifer, auch wenn du im Auto, schon kurz vor Schluss, in einem Anfall von Verzweiflung losbrüllst, herausbrüllst deinen ganzen Frust über die Männer, die sich in dich verlieben wie in ein Ideal und dann wieder trennen und hingehen und die nächste gleich heiraten, nur dich, dich fragt niemand, ob du willst, auch wenn du natürlich nein sagen würdest, nur eben, solche wie dich, die heiratet man nicht. Aber man verliebt sich sofort.

Andererseits: Wenn du so blöd gewesen bist und deine Schul- und Kindergartenliebe geheiratet hast wie Jesse, weil da plötzlich ein Kind war und so etwas wie Verantwortung und vielleicht auch Bequemlichkeit und das Gefühl, das Leben habe ohnehin nicht mehr zu bieten, und nun lebt ihr nebeneinander her, in vernünftiger Aufgabenteilung, und wäre da nicht das Kind, wer weiß: Würdest du nicht doch alles stehen und liegen lassen für so eine wie Celine. Weil sie bezaubernd ist und das Paris, das sie dir zeigt, so schön, und weil da plötzlich so eine Ahnung ist, dass das ganze Leben schön sein könnte, und aufregend, und überhaupt erst Leben sein ...

Das ist die Geschichte von „Before Sunset“, der im Februar 2004 auf der Berlinale lief und gar nicht mehr sein will als genau das: der Fortsetzungsfilm zu „Before Sunrise“, der von einem Wiedersehen erzählt, neun Jahre später, diesmal nicht in Wien, sondern in Paris, und auch nicht eine lange Sommernacht lang, sondern zwei schnelle Stunden. Was fast noch schöner ist, weil es den Zuschauer mit einer Hoffnung entlässt, die mehr ist als Experiment, Glücksspiel und Jugendillusion, nämlich erwachsen und deshalb weiß, worauf sie sich einlässt.

Weiß sie das wirklich? Was wäre gewesen, wenn wir uns damals wirklich wiedergesehen hätten, fragt Celine am Anfang, glaubst du, es hätte wirklich etwas werden können? Oder hätten wir nicht sehr schnell gemerkt, dass das gar nicht funktionieren kann und wir nicht zueinander passen? Das hängt davon ab, was für ein Mensch du bist, ein Zyniker oder ein Romantiker, ist die Antwort, und klar, Jesse ist ein Romantiker und Celine die Zynikerin, und irgendwann tauschen sie doch einmal die Rollen, und vielleicht könnte es ja wirklich etwas werden.

Vielleicht ist genau das der Zauber des Films, der Grund, warum man ihn, bei aller Bitterkeit, glücklich verlässt: weil er, noch einmal, alles in der Schwebe lässt, weil er so leichtfüßig durch Paris streift wie sein Vorgänger durch Wien, so improvisiert, mit wunderbar genauem Rhythmus, weil da die zwei reden, reden, wie auch wir reden würden, in der Kneipe, neun Jahre später, und irgendwann in ein Schweigen übergehen. Weil man sich wünscht, dass sie genau so aussähe, die zweite Chance.

In Berlin in den Kinos Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center (OV), Delphi, International, Kino in der Kulturbrauerei, Odeon (OmU), Yorck und New Yorck

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