Kultur : Ideengebäude

Visionäre Entwürfe von Simon Ungers in Frankfurt

Christian Huther

Rostiger Cortenstahl faszinierte ihn, ähnlich wie den Bildhauer Richard Serra. Aber Simon Ungers bewegte sich zwischen Architektur und Skulptur, seine Gebäude sind überdimensionale Raumskulpturen. Aus geometrischen Formen ließ er feingliedrige Ideengebäude erstehen, reduziert auf Quadrat, Rechteck, Kegel, Kugel und Zylinder. Also kein persönlicher Stil mit unverkennbarem Design. Dafür schlicht und kompromisslos. Allerdings oft nicht machbar, denn Simon Ungers forderte den Nutzern seiner Bauten viel ab.

So umfasste sein Werk zahlreiche Ideen, als er 2006 im Alter von nur 49 Jahren starb. Aber gebaut hat er lediglich fünf Häuser. Er war radikaler als sein Vater Oswald Mathias Ungers, der berühmt wurde mit Berliner Wohnblocks, dem Frankfurter Messetorhaus oder der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Derlei Vergleiche lassen sich jetzt im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt am Main ziehen, das der Vater zwischen 1979 und 1984 mit einem Haus im Haus umbaute. Dort sind erstmals zehn Projekte des Sohnes aus den letzten zwei Lebensjahren zu sehen.

Für eine Retrospektive ist es zu früh, da der umfangreiche Nachlass noch bearbeitet wird. Denn Simon Ungers reduzierte zwar seine Bauten auf die Grundformen, spielte sie aber mit Variationen immer wieder neu durch. Sein Museum ist ein Behälter, von der kubischen Box bis zum gebogenen Schlauch. Seine Kathedrale tritt als Zelt auf, die Bibliothek als Bücherregal. Und sein Theater entpuppt sich als Trichter, der die Zuschauer in einem Amphitheater aufnimmt. Ungers suchte prägnante Formen, aber durchdacht bis hin zur Eingangslobby.

Freilich war allen Beteiligten klar, dass seine Ideen nie realisiert würden, selbst als er noch an Wettbewerben teilnahm. Dafür waren seine Ideen zu radikal. Auch der 1994 mit einem von zwei ersten Preisen prämierte Entwurf für das Berliner Holocaust-Mahnmal wurde von einer Machbarkeitsstudie zu Fall gebracht. Zwei Jahre zuvor hatte Ungers mit seinem T-House in Amerika triumphiert. Ungers schob einen langen Sockel mit Wohnräumen in den Hang und setzte darauf den um 90 Grad gedrehten Bibliotheksraum. Die Cortenstahl-Fassade spielt mit der Umgebung, der Witterung und dem Altern. Sie tut so, als stände das Haus schon immer da. Als Simon Ungers im Jahr 2000 aus den USA nach Köln zurückkehrte, entwarf er konsequent nur noch Hüllen für die schönen Künste oder für Kirchen, aber nicht für Einfamilienhäuser, Wohnblocks, Krankenhäuser oder Schulen. Mit verschachtelten Raumideen wollte der Visionär zum Wesen des Bauens zurückkehren. Christian Huther

Frankfurt am Main, Deutsches Architekturmuseum, bis 31. August.

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