Ignatz Bubis : Der Unermüdliche

Stationendrama eines Juden in Deutschland: Eine Frankfurter Ausstellung würdigt Ignatz Bubis

Ruth Fühner

Damit ein großer Mann auf der Bühne bedeutend wirkt, muss er nicht unbedingt bedeutend auftreten. Man muss nur seine Wirkung auf diejenigen zeigen, die ihn umgeben. Die Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt zum 80. Geburtstag von Ignatz Bubis folgt diesem Prinzip auf kluge Weise. Denn so überaus präsent dieser Mann, der wie kein anderer Holocaust-Überlebender für die Emanzipation, für das „Coming Out“ der Juden in der Bundesrepublik steht und in den Medien auch erschien, hat er seine Präsenz doch nie zur Selbstdarstellung genutzt. Lieber als mit Journalisten sprach Ignatz Bubis mit Schulklassen darüber, was das heißen sollte: Jude sein – und Deutscher sein in Deutschland nach dem Holocaust.

Und so geben – auf futuristisch in die klassizistischen Räume der ehemaligen Rothschildvilla hineingewürfelten Riesenmonitoren – hauptsächlich andere Auskunft über Bubis: mit Ausnahme zweier politischer Weggefährten von der FDP und seines Kontrahenten der letzten Monate, Martin Walser, allesamt jüdische Intellektuelle, die – wie Daniel Cohn-Bendit oder Dan Diner – durchaus nicht immer seiner Meinung waren. Aber sie begriffen früh, welchen Stellenwert die Konflikte hatten, in die Bubis sich verwickelt sah – und die er nutzte, um das Bewusstsein dieses Landes zu schärfen für seine dunkelsten Unterströmungen.

Tatsächlich lässt sich mit Bubis’ Biografie ein Stationendrama des deutschen Nachkriegsantisemitismus erzählen. Die Ausstellung, die weder Parteilichkeit noch Widerspruch scheut, wirkt dabei sehr unmittelbar und emotional. Noch ganz privater Geschäftsmann war Ignatz Bubis, als er zur Zielscheibe im Häuserkampf der Frankfurter Bürger und Studenten wurde: als „jüdischer Spekulant“, der das Westend zu zerstören half, im Stich gelassen von einem SPD-Magistrat, der den Westend-Beschluss gefasst hatte. (Dabei hatte, wie die Ausstellung erinnert, die Zerstörung des Viertels schon 1933 begonnen: als die jüdischen Besitzer von den Arisierern vertrieben wurden.)

In Bubis’ Zeit als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurts fällt die Bühnenbesetzung bei der Premiere von Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“. An diesem Abend treten erstmals Juden in Deutschland öffentlich sichtbar als Juden mit einer politischen Forderung auf – und mit einer Protestform, die der Studentenbewegung abgeschaut ist. Der Konflikt um Antisemitismus und Kunstfreiheit lässt Bubis erstmals darüber nachdenken, ob er Deutschland verlassen soll. Ein Jahr später, 1986, kommentiert er die Eröffnung des neuen Frankfurter Gemeindezentrums mit den Worten: „Wer ein Haus baut, will bleiben.“ Als Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland schließlich – und schon im Gespräch für das Amt des Bundespräsidenten – äußert sich Bubis ab 1992 auch über jüdische Belange hinaus. Angesichts brennender Ausländerwohnheime in Lichtenhagen und anderswo warnt er vor Fremdenfeindlichkeit und Rassismus überhaupt.

Doch so glaubwürdig und leidenschaftlich sein Engagement war, so sehr, mutmaßt der Ausstellungskatalog, hat er in den Augen der nichtjüdischen Öffentlichkeit den Bogen damit überspannt. Die Ausstellung zeigt ein bezeichnendes Bild für dieses Dilemma: den Moment, in dem die Kameras Bubis und seine Frau Ida vollkommen isoliert einfangen, als die Crème der Republik 1998 Martin Walsers „Moralkeule Auschwitz“-Rede in der Frankfurter Paulskirche applaudiert. Die folgende, fruchtlose Auseinandersetzung war es, die in Bubis das Gefühl reifen ließ, er habe doch nichts erreicht. Zu den vielen Schmähbriefen, die ihn erreichten, meinte er gleichwohl, es mache ihm Hoffnung, wenn er darin als Verderber der Jugend beschimpft werde. Das beweise immerhin, dass er bei denen, auf die es eigentlich ankomme, doch eine Spur hinterlassen habe. Ruth Fühner

Jüdisches Museum Frankfurt, bis 11. November. Begleitbuch (Suhrkamp) 25 €

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