Kultur : Ikone unter Ikonen

Im Byzantinischen Museum Athen kehrt Andy Warhol zu seinen Wurzeln zurück

Werner Bloch

Schrill und skurril, berechnend und nie ohne eine Prise Obszönität: So kennen wir Andy Warhol, den Erfinder der Pop-Art. Er war ja immer dabei, wenn es darum ging, die Tonlage zu verschärfen, an Tabus zu kitzeln, das Gemeine, Schlichte und Massentaugliche zu großer Kunst zu verklären. Der silberbleiche, schüchterne Prophet eines neuen Zeitalters, immer bis zum Anschlag, immer auf Speed: „Wir haben keine Zeit, uns der Vergangenheit zu erinnern, und wir haben keine Kraft, uns die Zukunft vorzustellen. Wir sind so beschäftigt, dass wir nur eines denken können: jetzt.“

Aber stimmt das? War Candy Andy, wie er liebevoll genannt wurde, tatsächlich so glatt und zeitlos, wie er es immer behauptete? In Wirklichkeit war Andy Warhol eine Sphinx. Der Meister, der mit manischem Enthusiasmus seine Zeitgenossen ausleuchtete, hielt sich selbst gern im Darkroom der eigenen Biografie auf. Vielleicht deshalb, weil er noch eine andere Geschichte zu erzählen hatte, eine, die er nicht preisgab, weil sie ihm zu persönlich und zu intim war. Ein Geheimnis. Und vielleicht kann man diesem Geheimnis noch nie so nahe kommen wie jetzt.

Eine kleine Reise nach Athen. Wer Warhols Mysterium verstehen will, muss hinabsteigen in einen der ehrwürdigsten Tempel der griechischen Hauptstadt, das Christlich-Byzantinische Museum. Das Zentrum der Ikonenkunst, die Schätze der orthodoxen Bildwelt, die Madonnen und Jesusfiguren mit dem goldglänzenden Hintergrund – religiöse Figuren, die in der Vorstellung der Griechen immer noch lebendig sind. Warhol war in dieser Kultur zu Hause, sein Zugang zur Kunst kam über die orthodoxe Bildwelt, und deshalb hängen sie jetzt hier. Seine Porträts, die goldenen Marilyns und die neonfarbenen Alexanders, sind heimgekehrt ins Hochamt byzantinischer Kunst.

„Warhol war sehr religiös“, erklärt der Kurator Paul Moorhouse, ein angesehener Warhol-Forscher von der National Portrait Gallery in London. Er hat lange mit den noch lebenden Verwandten des Künstlers gesprochen, vor allem dem heute 88-jährigen Paul Warhola. Der wohnt noch immer am Heimatort der Familie in der Slowakei, einem Kaff in den Transkarpaten namens Mikovà. „Stellen Sie sich das vor“, sagt der Kurator Moorhouse: „In den USA wurde Warhol immer wieder gefragt, wo seine Familie herkomme. Niemand kennt ja die Slowakei, dieses Land zwischen Tschechien, Polen und Russland. Und dann war Warhols Antwort immer: „We are Byzantines“ – „wir sind Byzantiner“.

Jeden Tag ging Warhol in seinem Geburtsort Pittsburgh in die Kirche, er gehörte zur katholisch-byzantinischen Gemeinde von St. John Chrysostom. Dort wurde er byzantinisch getauft; vier Tage nach seinem Tod am 22. Februar 1987 begrub man ihn auf dem Friedhof der byzantinischen Heilig-Geist-Kirche in Pittsburgh. Die Religion umklammert sein Leben vom Anfang bis zum Ende. „Warhol war katholisch im Glauben und orthodox in seiner Bildwelt“, sagt Kurator Moorhouse. „Die Warhols hatten eine Ikone in ihrer Wohnung. Jeden Tag betete der kleine Andy Warhola vor dieser Ikone und ging erst dann zur Schule, wenn er dort mit seiner Mutter gekniet hatte.“

Wer die Ausstellung „Warhol/Icon – The Creation of Image“ in Athen sehen will, muss zunächst die bedeutendste Sammlung griechischer Heiligenbilder durchwandern, fast tausend Jahre alte Bilder, die schon die Invasion durch die Türken überlebt haben. Mit solchen Ikonen ist Andy Warhol aufgewachsen, sie waren sein erster Kontakt zur Kunst. Nur scheint das irgendwie in Vergessenheit geraten zu sein. Und tatsächlich: der Besucher, der den langen Marsch durch die Gänge und Schluchten des Christlich-Byzantinischen Museums hinter sich hat, der sieht, wenn er dann vielleicht schon ein bisschen müde bei Andy Warhol ankommt, etwas Neues. Er betrachtet die längst bekannten, über und über gesehenen, ja fast schon klischeeartigen Bilder mit anderen Augen und in neuem Licht. Als scheine etwas von den Heiligenbildern hindurch. Das erste goldene Selbstbildnis von 1957, eine Art Scherenschnitt aus goldenem Papier wirkt ganz ohne Zweifel byzantinisch. Oder die „goldene Marilyn“, ein kleines Porträt des blonden Stars vor einer weiten goldenen Fläche – undenkbar ohne das Erbe der Ikonenmalerei.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Warhol in den sechziger Jahren die Porträtkunst rehabilitierte – eine Kunst, die unter der Herrschaft des abstrakten Expressionismus als überkommenes, totes Genre galt, verachtet und verschmäht. Auch die Trauer, der Schmerz in vielen byzantinischen Ikonen findet sich bei Warhol wieder. Der letzte Raum der Ausstellung ist eine Art Kapelle, eine Grabkammer. Hier sind die düstersten Porträts von Warhol versammelt, die schwarzen, wie im Negativ gehaltenen Marilyns, die Stars, die irgendwie alle selbst Opfer ihres Ruhms geworden sind. „Warhol hatte verstanden", sagt Moorhouse, „dass der Mensch, der berühmt wird, zur Maske erstarrt. Er hat gesehen, wie die modernen Massenmedien einen normalen Menschen zu einem außergewöhnlichen, beinahe übernatürlichen Wesen werden lassen, zu einer Ikone.“ Ruhm zieht Unglück an, wie wir bei Marilyn sehen oder bei Jackie Kennedy und Michael Jackson. Darin liegt eine Tragik, etwas Tödliches.

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