Kultur : Im Bann des Bleistifts

Eine Retrospektive in Düsseldorf zeigt die ganze Bandbreite der Berliner Künstlerin Rebecca Horn

Nicola Kuhn

Wer das aus Stoffbändern und Bleistiften bestehende Objekt schlaff in seiner Vitrine hängen sieht, würde darin kaum das zentrale Instrument einer hoch spannenden Performance vermuten. Rebecca Horns „Bleistiftmaske“ aus dem Jahr 1972 ist die abgelegte Hülle einer einst aufregenden Aktion. Dennoch bewahrt sie ihren Zauber, ihre Poesie. Fotografien zeigen die damals junge Künstlerin, wie sie die „Bleistiftmaske“ über den Kopf gestreift trägt, wie ein Vogel seitlich den Betrachter anäugt, der all die Bleistifte wie wehrhafte Stacheln vor seinem Gesicht aufgerichtet hat. Sie wirken wie die ethnologischen Dokumente einer schamanistischen Handlung. Rebecca Horn hat diese selbst beschrieben: „Vor einer weißen Wand bewege ich meinen Kopf rhythmisch hin und her. Die Bleistifte zeichnen an der Wand den Bewegungsablauf in sich immer mehr verdichtenden Linien auf.“

In der „Bleistiftmaske“ konzentrieren sich die wichtigsten Begabungen der in Berlin und Paris lebenden Künstlerin, die Performances macht, Skulpturen schafft und zeichnet. Bekannter ist sie allerdings für ihre Installationen und Filme. Es gibt also Nachholbedarf in der Rezeption, obwohl sie zu den bedeutendsten deutschen Künstlerinnen zählt. Die vier Jahrzehnte umfassende Retrospektive in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen richtet deshalb ihr Augenmerk auch auf das bislang wenig beachtete zeichnerische Werk. Und schließt damit jene Lücke, welche die große Werkschau vor zehn Jahren in der Berliner Neuen Nationalgalerie gelassen hat.

Trotzdem beginnt die Ausstellung mit jenen „Körperextensionen“, mit denen Horn Ende der Sechzigerjahre auf sich aufmerksam machte. Aus Stoff und Füllmaterial schuf sie Verlängerungen für Finger, Brüste, Kopf. Mittels langer schwarzer Federn entstanden ganze Körpermasken, rätselhafte Objekte zwischen Skulptur, Body-art und Performance-Requisiten. Ein monatelanger Hospitalaufenthalt hatte in der Künstlerin die Sehnsucht nach träumerischen Körpererfahrungen geweckt, die sie nach ihrer Genesung mit fantasievollen Gebilden in der Tradition des Surrealismus verwirklichte.

Wer genauer hinschaut, wird immer wieder Max Ernst als große Inspirationsquelle entdecken. Während seine grotesken Geschöpfe Collagen, Zeichnungen, Gemälde bevölkerten, betreten sie bei Rebecca Horn den realen Raum. Max Ernsts alter ego, der geheimnisvolle Vogel Loplop, findet in den Federfiguren Rebecca Horns seinen Wiedergänger. Von den Surrealisten hat die Professorin der Berliner Universität der Künste auch die Zusammenbringung scheinbar weit voneinander entfernter Gegenstände geerbt. So zeigt die Düsseldorfer Ausstellung eine Vielzahl ihrer kinetischen Objekte, deren Zauber nicht nur in der geheimnisvollen Bewegung, sondern in der symbolhaft aufgeladenen Kombination etwa von Messern, Steinen, geisterhaft spielenden Streichinstrumenten besteht. Mit ihren Installationen bringt die Künstlerin ganze Tableaux in die dritte Dimension, welche von den Surrealisten nur für das Papier, die Leinwand erdacht waren.

Rebecca Horn hat großartige Werke geschaffen, zumal wenn sie in situ arbeitet, wie 1987 bei den Skulpturenprojekten in Münster, wo sie zahllose Hämmerchen gegen die maroden Mauern eines Festungsturmes klopfen ließ. Oder fünf Jahre später auf der Documenta 9 in Kassel, wo sie in einem Schulgebäude die hölzernen Pulte kopfüber unter die Decke eines Klassenzimmers schrauben und aus zahllosen Bleirohren Flüssigkeit tropfen ließ. Diese fast albtraumhaften Ensembles haben sich tief ins Gedächtnis eingebrannt. Dabei drohte diesen Arbeiten immer auch, vom intonierten Pathos erschlagen zu werden.

Diese Gefahr wächst offensichtlich mit den Jahren, wie die jüngsten Werke zeigen. So schreibt beim „Book of Ashes“, einer Hommage an die Opfer des Attentats vom 11. September, ein Motor betriebener, meterlanger Zeigestock Unlesbares auf eine mit Kohlestaub bedeckte Spiegelfläche. Oder bei der jüngst vollendeten Installation „Ying and Yang Drawing the Landscape“ ziehen überdimensionale chinesische Pinsel das aus hellem und dunklem Sand gebildete Lebenssymbol nach. Ein stetes Raunen begleitet diese Werke, ein Heischen nach Bedeutsamkeit. Da interessiert umso mehr das stille Medium der Zeichnung, in dem sich der künstlerische Impuls am Unmittelbarsten formuliert. Die sich schon in den frühen Blättern andeutende Dynamik, das Temperament des sich frei über Papierfläche bewegenden Buntstiftes drängte immer mehr nach Unabhängigkeit. Nun ist die Künstlerin bei körpergroßen Blättern angelangt, die sie – Cy Twombly ähnlich – mit skripturalen Zeichen bedeckt, mit den bloßen Fingern farbig betupft. Diese Blätter besitzen zwar großen Charme, neigen jedoch zum Dekorativen. Die Titel – „Am Kreuz“, „Saint Sebastian“ – zeugen von ähnlich existenziellen Kämpfen wie in der Frühzeit mit der „Bleistiftmaske“. Ein Kreis schließt sich, und doch wirken die Zeichnungen zu schön, um wirklich erlitten zu sein.

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K20, bis 9. Januar; Katalog (Hatje Cantz Verlag) 28 €. Von September bis Dezember 2006 im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

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