Kultur : Im Delirium der Interpretation Stanley Kubricks „Shining“ – eine Doku

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Stanley Kubrick galt als fanatischer Perfektionist. Aber hat er wirklich das kleinste Requisit persönlich ausgesucht? Er hat, behauptet TV-Journalist Bill Blakemore. Beispiel: In Kubricks Horrorklassiker „The Shining“ (1980) steht ein Küchenregal voller Calumet-Dosen. Calumet ist der Name eines Backpulvers. Calumet heißt auch eine indianische Friedenspfeife. Daraus schließt Blakemore, dass „The Shining“ nicht nur von einem durchgeknallten Schriftsteller handelt, der Frau und Sohn umbringen will. Sondern nebenbei auch vom Genozid an den Indianern.

Als Beweis zitiert Blakemore Amateuraufnahmen, wonach Kubrick selbst die Dosen ins Regal gestellt hat. Calumet als Symbol für gebrochene Friedensverträge? Weitere Anhaltspunkte: Das Overlook-Hotel, Schauplatz des Films, wurde auf einem Indianerfriedhof errichtet. Der Geschäftsführer trägt ein Kennedy-Toupet – J. F. Kennedy war zwar kein Gegner der Indianer, ist aber Symbol für US-Präsidenten. Und auch mit der Axt, die Jack Nicholson schwingt, lassen sich Indianer assoziieren.

Zu weit hergeholt? Im Gegenteil, behauptet Rodney Aschers vergnüglicher Dokumentarfilm „Room 237“, der das Nachleben von „The Shining“ dokumentiert. Die fünf Interviewpartner denken alle mit, denken weiter, noch weiter als Kubrick. Der hätte sicher den Kopf geschüttelt über diese Interpretationsdelirien, aber so ist das nun mal mit Kunst: Sie gehört irgendwann nicht mehr dem Schöpfer, sondern den Rezipienten.

Für den Geschichtsprofessor Geoffrey Cocks geht es in „The Shining“ vor allem um die europäischen Juden. Das hat er bereits 2004 in seinem Buch „The Wolf at the Door. Stanley Kubrick, History & the Holocaust“ dargelegt. Ihm sind Zahlenspiele aufgefallen. Spiele mit der Sechs und der Sieben. Multipliziert ergeben sie 42, das war das Jahr der Wannseekonferenz. Nicholsons Frau schaut sich im Fernsehen die Teenie-Romanze „Summer of 42“ an, vor dem Hotel parken 42 Autos, und Nicholsons Sohn redet von einer 42-Millionen-Dollar-Rechnung. Und in einer Überblendung steht eine Gruppe Hotelgäste in der Eingangshalle – und ist plötzlich weg. Man sieht nur noch einen Haufen Koffer. Rodney Ascher liefert noch weitere bemerkenswerte Details.

Aus „Room 237“ hätte leicht ein konventionelles „Making of“ werden können, aber Aschers Dokumentation hat eine Meta-Ebene. Es geht ihm allgemein um Filmanalyse. „Room 237“ zeigt: Sie macht Spaß. Auch und gerade, wenn sie übers Ziel hinausschießt. Frank Noack

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