Kultur : Im Dickicht der Meisterwerke

WOLFGANG KRALICEK

Die Wiener Secession schenkt sich zum 100.Geburtstag die erste historische AusstellungVON WOLFGANG KRALICEKWer von der Secession spricht, meint ein markantes Gebäude, das seit 100 Jahren zwischen Oper und Naschmarkt seinen festen Platz im Wiener Stadtbild hat.Als der Kunst-Tempel - tatsächlich haftet Joseph Olbrichs Architektur etwas Sakrales an - im November 1898 seine Pforten öffnete, hatten die Wiener für den von einer goldenen Lorbeerblätterkuppel gekrönten Bau bereits den despektierlichen Begriff vom "goldenen Krauthappel" geprägt.Beinahe hundert Jahre später ist das Haus wieder Gegenstand von öffentlichen Diskussionen - diesmal allerdings erregte eine spektakuläre Umgestaltung des längst unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes den Volkszorn: Der Schweizer Künstler Marcus Geiger hatte die gesamte Fassade der Secession mit grobem Strich rot bemalt. Wer von der Secession spricht, weiß vielleicht gar nicht, daß damit zunächst die gleichnamige Künstlervereinigung gemeint ist.Am Anfang war, wie der Name schon sagt, die Abspaltung: Im April 1897 trennten sich 19 Maler und Bildhauer vom Wiener Künstlerhaus und riefen eine "Vereinigung bildender Künstler" aus, der sie - dem Vorbild verwandter Verbände im Ausland folgend - den Namen Secession gaben.Erster Präsident war Gustav Klimt, dessen "Beethoven-Fries" im Keller des Secessionsgebäudes seit 1986 permanent ausgestellt wird und auch an aktueller Kunst desinteressiertes Publikum scharenweise ins Haus lockt. Ihrem über dem Portal angebrachten Motto ("Der Zeit ihre Kunst.Der Kunst ihre Freiheit") entsprechend, war die Secession von Anfang an ein "offenes" Haus; auch heute ist sie (vom Beethoven-Fries abgesehen) kein Jugendstil-Museum, sondern ein internatonales Ausstellungshaus zeitgenössischer Kunst.In diesem Sinne stellt die Jubiläumsschau ein Unikum dar: "Das Jahrhundert der künstlerischen Freiheit" ist die erste "historische" Ausstellung in der Geschichte des Gebäudes; im Hauptraum der Secession sind etwa 200 Werke zu sehen, die hier zum Großteil schon zu sehen waren. Logisch, daß sich die mehr als 100 Namen umfassende Liste der beteiligten Künstler wie ein "Who is Who" aus einem Jahrhundert Kunstgeschichte liest: von Klimt bis Schiele, von Joseph Beuys bis Mike Kelley, von Picasso bis Mondrian, von Maria Lassnig bis Valie Export, von Duchamp bis Christo, von Hermann Nitsch bis Otto Mühl, von Monet bis Munch.Der dokumentarische Wert der Ausstellung beschränkt sich auf vereinzelte Exponate am Rande; Fotos, die Henri Cartier-Bresson von Oskar Kokoschka in der Secession gemacht hat, sind ebenso zu sehen wie eine Postkarte, in der ein gewisser Wassily Kandinsky 1902 anfragt, ob er in der Secession ausstellen dürfe (wozu es erst Jahrzehnte später kam).Eine historisch-kritische Aufarbeitung der vergangenen 100 Jahre aber will die Schau nicht leisten. Kurator Robert Fleck hat die Bilder nicht systematisch, sondern "assoziativ" gruppiert - der Besucher ist eingeladen, im Dickicht der Meisterwerke (die Stellwände wurden von Secessions-Mitglied Heimo Zobernig angeordnet und von Secessions-Mitglied Franz West mit Farben versehen) Verbindungen aufzuspüren.Der überwiegend erstklassigen Qualität der Werke tut das natürlich keinen Abbruch, das "Konzept" der Ausstellung aber mutet arg "leichthändig" an.Wenn etwa eine großformatige Fotografie Cindy Shermans neben Porträts von Arnold Schönberg hängt und in der Beschriftung darauf verwiesen wird, daß "die Themen der Selbstbefragung und ,modernen MelancholieÔ (Baudelaire) von Schönberg bis Sherman gleichgeblieben" sind, ist die Problematik solcher Gegenüberstellungen ungewollt auf den Punkt gebracht. Waren in der Secession ausgestellte Werke nicht greifbar, wurde auf ähnliche Werke zurückgegriffen oder wurden aktuelle Arbeiten historischen Werken hinzugefügt.Unter der Gruppe von Arbeiten aus seiner Privatsammlung, die Franz West zum eigenen "Werk" erklärt hat, befindet sich auch eine Zeichnung eines Künstlers, der hier eigentlich nichts verloren hat.Die "Rechtfertigung" aber ist so charmant formuliert, daß man sie einfach gelten lassen muß: "Martin Kippenberger stellte nie in der Secession aus, hat hier aber vor seinem frühen Tod getanzt." Im Obergeschoß werden Pläne, Fotos und Modelle von für die Secession entworfenen In-situ-Ausstellungen präsentiert, im Keller laufen Videos und Filme von Künstlern und über Künstler.Und ganz unten, im Klimt-Raum, werden die Touristenmassen beim Betrachten des Beethoven-Frieses empfindlich gestört: Der Amerikaner Jason Rhoades hat hier, inspiriert von Klimt-Motiven, 18 Videospielautomaten aus den letzten zwei Jahrzehnten aufgestellt.Sie sind voll funktionstüchtig, entsprechen großteils aber längst nicht mehr dem letzten technischen Stand - eine blinkende, lärmende Metapher für das Paradoxon eines Museums moderner Kunst. Ganz hinten steht ein großer Sack aus schwarzem Frottee-Stoff.Darin befindet sich jene Frottee-Haube, mit der Marcus Geiger 1992 die goldene Kuppel - vulgo "Krauthappel" - der Secession verhüllt hat.Wir erinnern uns: Geiger ist der Mann, der die Besucher des Hauses derzeit rot sehen läßt.Im Sommer, nach der Sanierung der Fassade, wird die Wiener Secession dann wieder so aussehen wie vor 100 Jahren. Wiener Secession, bis 21.Juni; Katalog (Prestel Verlag) 350 Schilling bzw.78 DM im Buchhandel.

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