Kultur : Im Feenreich der Anarchie

Gilbert K. Chestertons magische Essays

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Am besten sollte man sich, wenn man bisher noch keine Essays von Gilbert K. Chesterton (1874– 1936) gelesen hat, diese als unendlich verdichtete Pater-Brown-Geschichten vorstellen – nur ohne Pater Brown. Chestertons unscheinbarer Detektiv konnte aus einer, sagen wir, ungeöffneten Streichholzschachtel und dem Schulterzucken eines Konzertpianisten auf die tiefsten Kümmernisse einer im Nebenzimmer befindlichen Dienstmagd schließen. Ebenso findet sein Schöpfer die wundersamsten Einsichten auch in den gemeinhin als banal geltenden Alltagsdingen – gemäß der Logik eines Träumenden, der mit einem löchrigen Hut Flusskiesel aus dem Wasser schöpft: Siehe da, und schon sind bunte Glastropfen daraus geworden! Einen Moment später haben sie sich gar in einen silbrig glänzenden Fisch verwandelt, der aus dem Hut springt, um ozeanwärts durch den Fluss zu tänzeln.

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Doch was sollen solche Vergleiche und Umschreibungen, wenn die des Umschriebenen ungleich entzückender sind? Wozu der Versuch, über einen solchen Denk- und Schreibstil Abstraktes zu sagen, wenn seine beiden Grundmotive – Paradox und kindergleiches Staunen – vom Autor selbst wiederholt angesprochen sind? Bekanntermaßen war Chesterton ein leidenschaftlicher Gegner des (marxistischen wie naturwissenschaftlichen) Materialismus, und so lässt er den Leser in aller Selbstverständlichkeit wissen: „Das Zentrum eines jeden Menschenlebens ist ein Traum. Der Tod, Krankheit, Wahnsinn – das sind nur materielle Zufälligkeiten wie Zahnweh oder ein verstauchter Knöchel. Dass diese brutalen Krä fte die Zitadelle stets belagern und oft erobern, das beweist nicht, dass sie die Zitadelle SIND.“

Weswegen gerade die realistische Literatur laut Chesterton weiter von der Realität entfernt ist als die romantische Literatur, der es übrigens „nicht so sehr darauf an(kommt), dass man Abenteuer erlebt, sondern darauf, dass man für alle Abenteuer bereit ist“. Was hoffentlich auch für die Protagonisten von Sir Walter Scotts Ritterromanen gilt, an denen Chesterton vor allem etwas anderes hervorhebt: „Bei den Helden Scotts ... ist kein Zug so charakteristisch oder so rühmenswert wie ihre Neigung, lang an der Tafel sitzen zu bleiben.“

Märchen übrigens sind weniger unlogisch, als vernünftelnde Kritiker gerne behaupten: „Wir können keineswegs mit größerer Bestimmtheit sagen, weshalb aus einem Ei ein Huhn entsteht, als weshalb aus einem Bären ein Prinz wird.“ So zauberhaft dieses Argument ist, man mag hier noch zögern, wie weit es beispielsweise einen Biologen trägt. Unwidersprochen aber werden doch sicher Chestertons Ausführungen bleiben, warum es sich um eine Reiche-Leute- Ansicht handeln müsse, dass in der Privatheit ihrer Häuser Langeweile und Konvention herrschten, während irgendwo draußen das Abenteuer warte. Tatsächlich sei doch das Zuhause einem Menschen „der einzige Ort der Anarchie“: „Wohin er auch sonst geht, er muss sich den strikten Regeln des Ladengeschäfts, des Gasthauses, des Klubs oder Museums fügen ... Zu Hause kann er seine Mahlzeiten auf dem Fußboden einnehmen, wenn er möchte. Ich tue das oft selber; es führt zu einer seltsamen, kindischen, poetischen Picknickstimmung.“

Passagen wie diese werfen ein äußerst charmantes, aber beinahe zu naives Licht auf den Autor selbst – einen Mann nämlich, der schwerer Melancholie Lebensfreude abgetrotzt und diese in tiefe religiöse Dankbarkeit umgemünzt hat. Unauslöschlich wird sich dem Leser, der auch um diese dunklen Momente weiß, die Szene einprägen, in der Chesterton sich anschickt, eine Kuh zu zeichnen. „ ... aber ich verheddere mich immer bei den Hinterbeinen von Vierfü ßlern. So malte ich die Seele einer Kuh, die ich deutlich vor mir in der Sonne einhergehen sah, und die Seele war ganz aus Purpur und Silber und hatte sieben Hörner und das Mysterium, das alle Tiere besitzen.“ Dem Leser diese Zeichnung vorenthalten zu haben, ist der einzige Vorwurf, den man dieser hinreißenden Textsammlung machen könnte.

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