Kultur : Im guten Glauben

Ruhrtriennale: Robert Wilson inszeniert Gustave Flauberts Roman „Versuchung des heiligen Antonius“ als Gospel-Musical

Ulrich Deuter

Dies ist die Geschichte einer Bekehrung. Nicht so sehr die einer Versuchung, sondern die des Heilwerdens. Man darf das Heile mit dem Heiligen nicht verwechseln; das Heile ist das Wohlige und leider meist auch das Langweilige, und so war es auch hier.

Robert Wilson, einst Meister des Minimalismus, Stifter hellsichtiger Rätsel, Architekt überweltlich abstrakter Räume, hatte getan, was er – so sagt er – schon lang hatte tun wollen: „Die Versuchung des heiligen Antonius“ zu inszenieren. Ort: die Gebläsehalle der ehemaligen Eisenhütte in Duisburg-Meiderich, Anlass: die Ruhrtriennale Gerard Mortiers.

Gustave Flauberts „Versuchung“ ist ein stofflich uferloser, gedanklich eher einliniger Roman, den der Autor 25 Jahre lang mit sich herumtrug, immer wieder umschrieb und endlich 1874 veröffentlichte. Eine Versuchung des spätantiken Eremiten wie des modernen Künstlers durch Leidenschaft, Philosophie, Nihilismus und seine Bekehrung zu einer Art spinozistischem Deus sive natura: zum Frieden mit der Welt, dem Stoff. Vielleicht also der Weg, den auch Wilson gegangen ist, der in den achtziger Jahren ein Asket war und nun publikumswirksame Bühnenevents in Serie produziert – ein weltweiter satter Glanz, der sich in Florenz, New York, Paris auf Opern- und Modehäuser legt.

Wilson hat 1990 „Black Rider“ mit Tom Waits inszeniert, 1996 „Time Rocker“ mit Lou Reed, im Mai dieses Jahres am Berliner Ensemble „Leonce und Lena“ mit Herbert Grönemeyer. Da lag es nicht fern, „The Temptation of St. Anthony“ mit der Musik und den Songtexten von Bernice Johnson Reagon in Szene zu setzen, einer 60-jährigen amerikanischen Gospelmusikerin. Reagon sei die Stimme, die der „Versuchung“ Relevanz geben könne, so Wilson.

Und so war es dann auch: Die Musik – Gospel, Blues, Rock, Rhythm’n’Blues – von Reagon, Chor und Band (lauter schwarze Amerikaner) machte die Relevanz des Abends aus, manchmal beeindruckend, aber meist nur hübsch eingetaucht in die Farbeimer der Wilson’schen Lichtstimmungsmaschinerie.

Die Bühne in der neoromanischen Meidericher Maschinenhalle ist nicht sehr groß; hier ist sie auch meistens leer. Links und rechts steht je eine lange Bank, auf der der Chor immer wieder wie im Gottesdienst Platz nimmt. Hinten sind die beiden hohen Rundbogenfenster der Halle nachgebildet und vorgeblendet, damit es zwei schmale, hohe Durchlässe geben kann; die Operafolie, die fast immer Wilsons Bühnen abschließt, fehlt. Anfangs deutet die violett leuchtende Silhouette einer Palme den Ort der Versuchungen an, das oberägyptische Felsplateau des Eremiten. Der ist ein kleiner Mann mit dunkler Hose und weißem Hemd, auf dem sich Hosenträger kreuzen. Carl Hancock Rux singt gut, wenn auch nicht viel, doch sein Gesichtsausdruck ist ausdauernd begriffsstutzig gequält, ja man muss leider sagen: Antonius sieht dümmlich aus. So sitzt er auf einem kleinen gelben Stuhl und hebt ein Bündel magerer Ästchen hoch, während der Chor durch den lang gestreckten Zuschauerraum hinab geschritten kommt und Vögel aus Bambusstecken sowie welkende Zweiglein schwenkt – eine späte Fronleichnamsprozession. Antonius singt: „I’m so burdened down“; er leidet an den Entbehrungen seines Einsiedlerdaseins, möchte gern das Leiblich-Irdische transzendieren und findet doch nicht hinaus aus den Bedürfnissen des Fleisches. Kleine bunte Gebilde werden herein getragen, eine Frau in brennendem Rot reicht eins der Dinger an den Fastenden – wer das Programmheft liest, erfährt, dass hier die teuflische Vision einer reich gedeckten Tafel erschienen ist. Der Einsiedler, sich brüsk abwendend, widersteht.

Der Mephisto unseres Heiligen ist sein ehemaliger Schüler Hilarion (Helga Davis), der dem Meister das enge christliche Weltbild weiten will. „You’re a hypocrite!“, singt der Chor und stößt mit dem Finger gegen Antonius: Du Heuchler, „Torture is not the highest ground!“ Und der Chor in seinen afrikanisch bunten Gewändern singt prächtig und die Band spielt saftig mit Schlagzeug und E-Gitarren, und die Stimmung ist gut, und das Licht wandert bunt und kräftig durchs Spektrum, ein Augen- und Ohrenschmaus. Und da alle Akteure ganz langsam schreiten und sich wiegen und immer wieder mal den einen Arm leicht abgespreizt hängen lassen und den andern vor der Brust anwinkeln, kommt auch Feierlichkeit auf.

Von Flauberts endlosem Reigen überbordender Visionen, dieser Tour de force durch sämtliche antiken und orientalischen Reichtümer des Geistes und der Sinne, ist wenig geblieben. Hilarion führt Antonius über den Basar der Religionen, er soll lernen, dass Religion widersprüchlich und nicht alles ist. Zu sehen ist davon nur das Umherschreiten der Protagonisten, mal allein, mal mit Chor; zu hören ist dies nur im Wechselgesang. Denn dies ist ein Musical; die Musik ist geschmeidig, bisweilen flutschig; dies ist die Verseifung des heiligen Antonius. Ein blaues Gebirge wächst auf, auf dessen Kamm eine prächtig gekleidete Frau herbeigewandert kommt. Vielleicht ist es die Königin von Saba, die den keuschen Eremiten verführen will. Antonius verschließt sich, die Botschaft des Chors ist eher eine andere: Gott ist Liebe, komm, lass uns uns vereinigen. Und dann ist auch bald Schluss. Der Eremit ist bekehrt zu Glauben und guter Laune („I believe in one God, the Father/ And in one Lord, Jesus Christ“), und wer von den Zuschauern es noch nicht ist, soll nun mitsingen, meint Mrs. Reagon, die auf die Bühne kommt. Das Publikum ist insgesamt sehr begeistert. Aber mitsingen, das will es nun doch nicht gern.

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