Kultur : Im Handgemenge der Kritik Für Oskar Negt – zum 70. Von Gerhard Schröder

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Gewiss ließe sich Oskar Negt zu seinem heutigen 70. Geburtstag als einer der bedeutendsten Sozialphilosophen unseres Landes anhand seiner Werke und Veröffentlichungen würdigen: „Öffentlichkeit und Erfahrung“, „Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen“, „Geschichte und Eigensinn“, „Lebendige Arbeit – enteignete Zeit“ oder „Arbeit und menschliche Würde“ legen Zeugnis ab von seiner enormen Schaffenskraft, von analytischer Schärfe und vom feinen Gespür für theoretische und gesellschaftliche Entwicklungen. Immer wieder hat Oskar Negt die politische und wissenschaftliche Diskussion in Deutschland nachhaltig beeinflusst, hat Generationen von Studenten, aber auch politisch Bildungshungrigen – nicht zuletzt in den Gewerkschaften und den sozialen Bewegungen – beschäftigt und geprägt.

Ich will gar nicht behaupten, alles, was dieser große Gelehrte und – das sage ich mit bescheidenem Stolz – mir in freundschaftlicher Solidarität verbundene Gesprächspartner verfasst hat, in der gebotenen Ausführlichkeit gelesen zu haben. Aber Oskar Negt lässt sich ohnedies nicht in den Bücherschrank verbannen. Sein Verständnis von der gesellschaftlichen Rolle des Intellektuellen lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig: Entgegen einer gewissen, auch deutschen Tradition, sich in die Schutzräume des Elfenbeinturms zurückzuziehen, stellt er sich stets der Aufgabe, Sinn zu produzieren und Orientierung zu vermitteln, sich „aufs Handgemenge der Kritik einzulassen“ und „Verantwortung für das Hier und Jetzt“ zu übernehmen. Negt fordert zur gesellschaftlichen Einmischung auf. Gerade an gesellschaftlichen Knotenpunkten, wenn Gemeinwesen neu über sich und ihre Zukunft nachdenken müssen, sind wir darauf angewiesen, dass die Intellektuellen ihre Vorstellungen von Gemeinwohl und einer guten Gesellschaft, von Gerechtigkeit und der für unsere Zukunft nötigen Bildung in einem umfassenden Sinn entwickeln und einbringen.

Mögen manche ihm unverbesserliches Beharren in der Kritischen Theorie vorwerfen, zu deren engagiertesten Protagonisten er weiterhin zählt: Oskar Negt konnte und kann über derlei Vorwürfe nur schmunzeln. Er hat sich stets dazu bekannt, ein Linker zu sein. Konsequent und theoretisch fundiert hat er seit mehr als 40 Jahren im Wissenschaftsbetrieb seine Positionen entwickelt und sich, argumentativ überzeugend, allen kurzlebigen Moden der „BindestrichSoziologie“ verweigert. Dabei weist sein Denken und Handeln eine Konstante auf, die ihn mir – bei aller Unterschiedlichkeit unserer Metiers – nahe bringt: Negt beharrt auf der Selbstständigkeit, der Lernfähigkeit und Lernverpflichtung des Menschen; ja, so einer seiner schönsten Titel, er hält den Menschen für „unterschätzt“. Er will nicht zulassen, „dass einer sich mäklerisch oder zu den Widersprüchen seines Lebens als bloßer Betrachter verhalten kann“.

Dieser Anspruch ist aktueller denn je. Leben wir doch in einer dramatisch sich verändernden Welt, in der alte Regeln, Gewohnheiten und Weltdeutungen zerbrochen sind oder nicht mehr in alter Weise gelten – ob in Fragen von Krieg und Frieden, Gewalt und Zivilität, Arbeit und Menschenwürde oder der Verbindung zwischen Ökonomie und dem „Sozialen Ganzen“. Gerade in diesem Prozess der Selbstfindung beharrt Oskar Negt immer wieder auf der Bedeutung der Mündlichkeit, des, wenn man so will, „Verfertigens der Gedanken beim Diskurs“. Er ist tief davon überzeugt, dass „man nicht lernen kann, nicht zu lernen“. Für dieses Engagement ist unser Land, bin auch ich ihm persönlich zu tiefem Dank verpflichtet. Wir werden Oskar Negt noch lange brauchen und zu schätzen wissen.

Der Autor ist Bundeskanzler.

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